#AnGedacht – Okt. 2018 – Erntedank

Unser Ordensmitglied  und Postulant Jens Gillner ist Pastor in einer Gemeinde in Northeim. Für den örtlichen Nachrichten-Blog https://northeim-jetzt.de/ verfasst er regelmäßig eine Kolumne zu verschiedenen Themen aus dem Alltag. Wir freuen uns das er uns die Möglichkeit gibt, seine Texte auch auf unserer Seite zu veröffentlichen.

Gott sei Dank? … !

80/20 – Wofür wir heute dankbar sind

„Unser tägliches Brot gib uns heute“, so beten wir im Vaterunser. Dass wir um das Lebensnotwendigste bitten müssen, ist uns in unseren Breitengraden eher fremd. Wir wünschen uns eher einen tollen Urlaub, das neue Handy, den größeren Fernseher, die geilen Schuhe. Luxus, weil wir sonst in der Regel nichts entbehren müssen. Kürzlich sagte mal jemand zu mir, dass wir nur für 20% aller Güter wirklich dankbar wären, während wir 80% aller Güter als selbstverständlich hinnehmen würden. Diese Relation gibt mir zu denken.

Im Religionsunterricht einer zweiten Grundschulklasse wurden die Schüler mal gebeten, auf ein großes Blatt Papier alles aufzumalen, wofür sie Gott täglich dankten. Die Kleinen gingen mit Feuereifer ans Werk. Und so fand man nach kurzer Zeit wirklich Vieles auf dem Blatt, was ein Kinderherz erfreut: Chips und Nudeln, Süßigkeiten, den Fernseher, Erdbeereis und Rollerskates. Nur eines fehlte: ein Brot. Auf das Fehlen des Brotes angesprochen meinten die Kinder nur achselzuckend: „Brot haben wir doch immer. Und so richtig gern essen wir es ja doch nicht.“ Besser ist doch für das Besondere dankbar zu sein, für das, was das Leben noch angenehmer macht.

Die Generation, der noch per Lebensmittelmarken nach dem Krieg das Lebensnotwendigste wie Brot, Butter, Zucker etc. zugeteilt wurde, ist nun fast ausgestorben und kann uns von ihrem Kampf ums Überleben nicht mehr berichten. Unvorstellbar, dass man auch hierzulande einst Hunger leiden musste, wo doch gegenwärtig Lebensmittel im Überfluss und damit auch für den Abfall produziert werden.

Brot und Wasser – alles selbstverständlich?

Im Vaterunser steht das Brot als Symbol für das, was wir täglich zum Leben brauchen. Ich denke nicht, dass wir heute undankbarer sind als früher, aber die Gründe, wofür wir dankbar sind, haben sich stark verändert. Vieles erscheint uns wichtiger als das Brot.

Was es bedeuten kann, wenn Lebensmittel zum begehrten Handelsgut werden, können wir seit Längerem an der Praxis des Lebensmittelkonzerns Nestle beobachten. Weltweit kauft Nestle Wasserrechte von staatlichen Wasserbehörden. Das erlaubt dem Unternehmen, Wasser direkt aus dem Grundwasser abzupumpen. Dieses Wasser reinigt Nestle und verkauft es dann als abgefülltes „Tafelwasser“ in Plastikflaschen. Der für das Geschäft zuständige Bereich Nestle-Waters hat 95 Produktionsstandorte in 34 Ländern. Darunter auch in Südafrika, Pakistan und Äthiopien. Der zentrale Vorwurf: Dort, wo das Wasser ohnehin schon knapp ist, pumpt Nestle es obendrein noch ab, um damit Geld zu verdienen. Was für uns selbstverständlich ist, wird für die Menschen in den betroffenen Ländern zum knappen Gut. Und wir sind uns dessen oftmals gar nicht bewusst.

Geschenkte Lebensmittel

„Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Viele werden diese Worte schon gar nicht mehr sprechen, weil sie „mit Kirche“ nichts mehr zu tun haben. Doch verliert diese Bitte damit nicht an Bedeutung. Es ist die Bitte (an Gott?), dass wir stets das bekommen, was wir wirklich zum Leben brauchen.

Und von diesen Dingen wird uns sogar vieles einfach nur geschenkt: Regen, Sonne, Wind, Liebe, Gesundheit, Gemeinschaft. Längst nicht alles müssen wir uns im Leben verdienen.

Wenn wir in der Kirche im Oktober die Erntedankfeste feiern, dann wollen diese keine vielleicht längst vergangene Landleben-Romantik bewahren, sondern vor allem daran erinnern, dass es mehr und letztlich auch Wichtigeres im Leben gibt, für das wir dankbar sein können. Natürlich bekommt der Großbildfernseher in den Angebotsprospekten mehr Aufmerksamkeit als die neue Brotsorte beim Bäcker. Aber wenn es mal hart auf hart kommt, hilft uns das Fernsehprogramm zum Überleben nicht weiter.

Ich denke, es ist Zeit, sich mal wieder klar darüber zu werden, wie reich wir wirklich sind und wie viel es gibt, das einfach für uns da ist. Zeit auch, dafür Danke zu sagen … den Eltern und Großeltern, den Kindern und Enkelkindern, den Freunden, den Arbeitskolleginnen und -kollegen, dem Chef/der Chefin … und vielleicht auch Gott.

Geschrieben von Pastor Jens Gillner