Weihnachtspredigt von Obr. Mathias

Unser Ordensbruder Mathias hat uns für den Abschluss der Vorweihnachtszeit und beginn der Weihnachtsfeierlichkeiten, seine Predigt zur Adventszeit zukommen lassen.

Die Ordensregierung wünscht allen Mitgliedern, Affiliierten, Freunden und Förderern eine besinnliche Weihnachtszeit im Kreise der liebsten und einen guten Start in das neue Jahr 2019.

Vom Geheimnis des Adventskalenders

Wenn ich Advent höre, erinnere ich mich daran, dass kurz vor Beginn der Adventszeit an den Wänden unserer heimatlichen Wohnküche ein neuer Wandschmuck erschien. Das wiederholte sich durch alle Jahre unserer Kindheit.

Zwischen Korridortür und Pellkartoffeldampf hingen zwei bunte, schöne, nagelneue Adventskalender. Es mussten zwei sein, denn wir waren zwei handfeste und kampferprobte Geschwister. Hätte nur ein Adventskalender die Küche geziert, dann wäre es jeden Morgen zu einer wilden Schlacht um das Recht gekommen, das neue Türchen am Adventskalender zu öffnen. Da aber der Sinn des Advents nicht darin besteht, großen Unfrieden zu produzieren, griffen unsere klugen Eltern vorsorglich in die nicht sehr volle Geldtasche und brachten das Opfer, gleich zwei Kalender zu kaufen.Es mussten aber zwei verschiedene sein, denn sonst hätte die Sache auch wieder keinen Spaß gemacht.

Ich weiß nicht, wer den Adventskalender erfunden hat. Die großen kirchlichen Lexika verschweigen diesen Begriff Adventskalender total. Auch in den Handbüchern der Volkskunde fand ich nichts. Sicher ist nur, dass auch heute noch Adventskalender in die Kinderzimmer kommen – schöne, bunte mit Schnee, Weihnachtsmann und Schlitten darauf. Auch das System ist dasselbe geblieben wie zu unseren Kindertagen. Jeden Tag darf ein Fensterchen geöffnet werden. Am Ende bleibt von dem großartigen Bild des Adventskalenders nur noch eine Löcherlandschaft übrig. Dafür sind aber viele Türen aufgegangen, hinter denen die Bilder von Dingen sichtbar werden, die dann vielleicht auf dem Gabentisch liegen könnten.

Bei uns verbarg sich hinter dem 24. Türchen aber jedes Jahr dasselbe. Es war ein Bild von der Krippe, von Maria und Josef, die bei Jesus knieten. Hinter all den anderen Türchen konnten Bilder von vielen Dingen sein: Bilder von einem Roller, einem bunten Ball, einer Puppenstube, einem Teddybär. Hinter dem 24. Fenster gab es nicht das Bild eines der vielen Geschenke, die man Kindern machen kann. Dort war das Bild des unbegreiflichen Geschenks, das Gott allen Menschen gemacht hat: das Bild seines Sohnes Jesus Christus in der Krippe.

Was steckt dahinter?

Wenn ein Kind ein Fensterchen des Adventskalenders aufmacht, tut es etwas, was wir Erwachsenen auch viel zu gerne tun möchten. Das Kind will sehen, was dahinter ist. Wir müssen herausbekommen, was hinter all dem steckt, was uns so alltäglich begegnet. Wir wollen dem Schicksal in die Karten gucken. Was treibt uns dazu? Ist das Neugierde? Ist es Forscherdrang? Ist es vielleicht sogar nichts weiter als nackte Lebens- und Überlebensangst? Zu gerne wollen wir die verdeckten Karten der Zukunft aufdecken. Was kommt da auf uns zu? Was ist unsere Zukunft?

Bei unserem Wohnküchen-Adventskalender gab es ein strenges Gesetz. Es ist nie von uns Geschwistern übertreten worden, die wir doch bei anderen Gelegenheiten ohne schlechtes Gewissen alle möglichen Anweisungen übertreten haben. Das Gesetz des Adventskalenders lautet: du darfst nie eine Tür zu früh aufmachen. Geheimnisse haben ihre Zeit. Wenn einer sie vor der Zeit entschleiern will, tut er nicht gut daran. Wer nicht die Geduld hat, warten zu können, bis sich ein Geheimnis von selbst erschließt, der zerbricht das Geheimnis. Wer nicht warten kann, bis ihm das Geschenk in die Hände gelegt wird, der betrachtet die Welt als eine Art Selbstbedienungsladen für seinen Privategoismus.

Das Ergebnis dieser fordernden Ungeduld ist nicht Freude, sondern am Ende nur Übersättigung und Lebensekel. Wer Geheimnisse nicht gelten lassen will, kennt keine Wunder. Man muss die Geduld haben, auf Geschenke warten zu können.

In der Wohnung über uns wohnte eine Familie mit drei Kindern. Die Kinder knautschten und moserten im Advent so lange herum, bis ihnen die Mutter ein Weihnachtsgeschenk nach dem anderen aus den Verstecken hervorholte und es den unleidlichen Ungeduldsgeschöpfen auslieferte. Von einem schönen Weihnachtsfest war dann allerdings in der Etage über uns keine Rede mehr. Es gab keine Wunder zu bestaunen, es gab keine Überraschungen mehr, es gab keine Geheimnisse mehr zu enthüllen. Man hatte sich nichts mehr zu schenken, weil man sich schon vorher alles abgefordert hatte. Es war, als hätten diese Kinder schon am ersten Tag des Advents ihren Adventskalender mit gierigen Händen Tür um Tür aufgerissen. Sie konnten nicht warten und wollten sich nicht auf das Geheimnis einlassen.

Liebe zwischen Menschen

Ist das nicht auch die Art, wie wir heute oft mit der Liebe zwischen Mensch und Mensch, zwischen Braut und Bräutigam und zwischen Mann und Frau umgehen? Natürlich haben Kinder das Recht, die Fenster des Adventskalenders zu öffnen. Dazu sind sie ja da. Natürlich schenkt Gott uns das Recht, Fragen zu stellen nach dem, was hinter dem Vordergründigem liegt. Natürlich will er uns dazu ermuntern, zu forschen und vorzudringen in Unerforschtes, in Geheimnisvolles. Der Mensch kann nicht immer nur vom Oberflächlichen und vom Vordergründigen leben. Er muss erleben und suchen dürfen, was hinter den Dingen steht.

Aber man kann nicht mit dem Brecheisen das Geheimnis einer Rose ergründen. Ich darf nicht mit Gewalt dem Mitmenschen etwas aus den Händen reißen, das er mir als Geschenk bringen wollte. Der Mensch von heute kann erstaunlich vieles und leistet Großartiges. Dennoch trägt er ein Unbehagen in sich, nicht ein Unbehagen an den Dingen, sondern ein Unbehagen an sich selber. Mag sein, dass dieses Unbehagen mit dem Adventskalender zusammenhängt. Wenn wir nicht den Mut haben, Dinge wachsen zu lassen, dann blühen sie uns auch nicht. Der Mensch muss sich auch einmal als Geschenk erleben dürfen, nicht nur immer als Macher und Manager.

Es ist schön, einem Kind zuzusehen, das die Tür zu einem Tag des Advents auf seinem Adventskalender öffnet. Man könnte als Erwachsener neidisch werden, mit welcher Hingabe dort auf einem simplen Papierkalender mit manchmal recht mäßige Vierfarbendrucken von diesem Kind etwas entgegengenommen wir: nämlich das Geschenk des neuen Tages auf Weihnachten zu. Alles Leben ist ein Geschenk. Das ahnt man bis ins Herz hinein, wenn man weiß, dass an jenem ersten Weihnachtstag der Weltgeschichte der Vater uns seinen Sohn Jesus Christus geschenkt hat.

Enttäuschung

Wir müssen jetzt aber auch einmal von den Enttäuschungen dieses Adventskalenders reden. Hinter manchen verschlossenen Türen des Kalenders verbergen sich Bilder von Dingen, die uns dann doch nicht zuteil werden. Ein Kind öffnet ein Türchen des Adventskalenders und entdeckt einen wunderschönen Ball, aber am Ende des Advents liegt dann kein Ball auf dem Gabentisch des Weihnachtsfestes. Alle Türen des Adventskalenders stehen offen, aber von den Bildern, die mir da verheißen wurden, ist keins Wirklichkeit geworden.

Hat mich das buntbedruckte Blatt Papier mit den vierundzwanzig Fensterchen darin nicht enttäuscht? Ich erinnere mich, dass hinter einem der Türchen eines Adventskalenders eine wunderschöne Puppenstube zu sehen war. Die wollte ich haben. Aber unter dem Weihnachtsbaum fand ich nichts, was auch nur im entferntesten einer Puppenstube glich. Also machte ich aus dem Heiligen Abend eine Übungsstunde für Protestgeschrei und litt sehr unter gebrochenem Herzen wegen dieser großen Enttäuschung. Man sollte Verständnis haben für diese Art von kindlicher Reaktion. Wir Erwachsenen machen es den Kindern vor. Wir lassen uns nicht beschenken, sondern wir fordern, dass das Schicksal uns die Dinge ins Haus bringt, die wir uns eingebildet haben.

Wir stellen Gott vor die Alternative, uns entweder unsere Wünsche zu erfüllen oder unsere totale Beleidigung in Kauf zu nehmen. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass es zu Weihnachten nicht um Sachen geht, die mir geschenkt werden. Die Dinge, die auf dem Gabentisch liegen, sind heute meist schon eine gehörige Portion Geld wert. Aber sie sind wirklich nur das Vorletzte, beileibe nicht der letzte Sinn des Festes. Wer auf die Dinge wartet, die ihm zu Weihnachten geschenkt werden, wird Enttäuschungen erleben. Dinge erlösen uns nicht, befreien uns nicht, erfüllen uns nicht. Wohl können die Dinge die Hinweise auf das eigentliche Geschenk sein.

Als mein Vater meiner Mutter am Tage der Verlobung jenen bewussten schlichten goldenen Ring schenkte, da war meine Mutter nicht am Goldwert dieses Ringes interessiert, sondern an diesem jungen Mann namens Peter. Der Ring war nicht Beweis für das Bankkonto meines Vaters, sondern für seine Treue und Liebe. Das Geschenk des Bräutigams ist nicht der Ring, wie kostbar er immer sein mag. Das Geschenk des Bräutigams ist er selbst. Das Weihnachtsgeschenk Gottes an uns sind nicht die tausend Dinge, die auf allen Gabentischen unseres Landes liegen werden.

All diese Dinge sind Zeichen für die eigentliche Gabe des Weihnachtsfestes. Diese Gabe ist Gott selbst. Wenn eine junge Dame die Tür aufmacht und sie entdeckt vor der Tür den Fleurop-Blumenstrauß ihres Verehrers, dann ist das sicher schon etwas. Wenn dieselbe Schönheit die Tür aufmacht und sieht vor sich ihren Bräutigam stehen, dann wird sie nicht mehr nach den Fleurop-Blumen fragen. Was ist aber dann, wenn eine Tür nicht aufgemacht wird? Ich erinnere mich an eine Stunde nach der Schule, als ich nach Hause ging. Der Weg führte an der Pfarrkirche vorbei. Die Mietswohnung, in der wir lebten, war eine Nachkriegswohnung vollgestopft mit vier Familien.

Unser direkter Zimmernachbar war einmal getauft worden. Er hatte aber jahrzehntelang keine Kirche mehr von innen gesehen. Auf meinem Heimweg von der Arbeit sah ich unseren Korridornachbarn vor unserer Kirche. Er ging erregt und unschlüssig auf dem Bürgersteig auf und ab, wandte sich zum großen Eisentor des Kirchengrundstückes, ging aber nicht hindurch und drehte sich wieder von der Kirche weg. So ging das minutenlang. Etwas in dem Manne zog ihn zu dieser Tür, ein anderes drängte ihn von der Kirchentür weg. Ich habe diesem Hin- und Hergerissenen damals nicht geholfen. Ich hätte ihm die Tür aufmachen können, denn er kannte mich ja. Es hätte für diesen Mann ein Advent sein können. Aber die Tür blieb durch meine Schuld zu. So ging er mit hängenden Schultern davon.

Türen öffnen

Mütter zeigen ihren Kindern, wie man die Türchen des Adventskalenders aufmacht. Warum tut sich ein Glaubender so schwer, einem Suchenden die Tür aufzumachen? Hinter dieser Tür war mehr als ein neugotischer Kirchraum mit moderner Einrichtung. Wenn ich diesem meinem Mitmenschen die Hand zur Türklinke geführt hätte, wäre das Tor der Kirche nicht verschlossen geblieben.

Damals war ich Schüler, heute bin ich Lehrer und Diakon. Dass ich einem Menschen vor langen Jahren die Tür zum Advent nicht aufgemacht habe, weiß ich heute noch mit schmerzender Deutlichkeit. Der einzige Trost in diesem Erinnern an ein Versagen liegt im Kirchenjahr. Jedes Jahr gibt es einen neuen Advent, jedes Jahr gibt es einen neuen Adventskalender. Jedes Jahr darf ich von Neuem beginnen, Türchen zu öffnen. Jedes Jahr darf ich meinen Weg auf das große Weihnachtsgeheimnis zu gehen und darf anderen Menschen Türen zu diesem Geheimnis auftun.

Und selbst der billigste Adventskalender ist ein verborgener und stiller Hinweis auf das große Wort aus der Offenbarung des Johannes: „So spricht der Herr, der Wahrhaftige, ich habe dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann.“ Versuchen wir mal eine Umschreibung des Wortes Advent, dann könnten wir es so sagen: Gott ist der, der hinter all dem Vordergründigen unseres Lebens auf uns zu kommt. Und wir machen es wie die Kinder am Adventskalender. Wir öffnen die Türen unserer Tage, eine um die andere, und tasten uns von Bild zu Bild auf das große Geheimnis hin, das sich am Ende aller Tage offenbaren wird. Sicher ist eins: Wer am Ende aller geöffneten Türen des Adventskalenders und des Lebens nur ein Ding, eine Sache erwartet, der wird enttäuscht sein. Wer am Ende aller geöffneten Türen des Adventskalenders und des Lebens ihn erwartet, nicht Es, keine Sache oder Formel, sondern den lebendigen Gott, der kann nie enttäuscht werden, auch wenn ab und zu hinter den Türen, die er aufgemacht hat, etwas anderes war, als er sich erwartet oder erträumt hatte.

Advent ist dann das Offensein für die Liebe Gottes, die hinter allem steht, was mir begegnet, auch wenn das einzelne, das mir gegeben wird, nicht immer gleich als Geschenk dieser Liebe Gottes zu deuten ist. Fangen wir einfach an, unseren eigenen Adventskalender aufzumachen. Jeder Tag ist eine Tür. Jeder Tag birgt ein Bild von der Liebe Gottes zu uns. Aus jedem Tag tritt ein Hinweis auf den Gott entgegen, der sich total verschenkt, dass wir das Christkind am Ende des Advents in der Krippe finden können. Ich öffne die Tür zum ersten Advent. Womit wird mich Gott überraschen? Womit wird er mich betroffen machen? Welches Zeichen seiner Liebe wird mir aus diesem Tag entgegentreten? Und wie werde ich es ihm danken?

Geschrieben von Diakon und Ordensbruder Mathias David