Gedanken zur Ferien- und Reisezeit

Merkwürdige Schildersammlung

(Tempelhof)

Die Autobahn schlängelt sich munter durch die märkische Heide. Vor uns zuckelt ein älteres Modell von Mercedes durch die Abendsonne. Am Schlepphaken hat dieses Auto ein Gebilde, das man aus der Ferne nicht gleich einordnen kann. Zwei Räder sind dran. Aber sonst sieht das Ganze aus wie der Brandtaucher aus dem Armeemuseum zu Dresden, jenes erste U-Boot, das 1850 vom Pechvogel Bauer konstruiert wurde. Dieses Tauchboot tauchte zwar ordnungsgemäß, kam aber nicht mehr hoch. Beim Näherkommen entpuppt sich das Vehikel als ein aufwändiger Anhänger für eine besondere Fracht. Hier wird ein Pferd durch die Landschaft gefahren. Damit auch jeder Benutzer der Autobahn genauestens informiert ist, hat die Bordwand des Pferdetransportanhängers eine deutliche Inschrift mit dem folgenschweren Text: „Achtung! Wertvolle Rennpferde!“ Na also, jetzt wissen wir es. Wir begeben uns mit dem Renault Laguna ganz lieb und vorsichtig um den Pferdewagen herum. Nicht auszudenken, wenn dem Tier ein Leid geschähe!                                                                                   

Nun schelte man mich nicht zu früh. Natürlich soll Pferderennsport treiben, wem das so richtigen Spaß macht. Ich verlange auch von keinem, dass er die Pferde quer durch Sachsen oder Mecklenburg bis nach Karlshorst reitet. Was mich ärgert, ist jene Aufschrift auf dem Hinterteil des Pferdetransportwagens. Mir ist es nämlich noch nie im Leben passiert, dass ich auf der Rückseite eines Autos ein Schild entdeckt hätte mit dem deutlich lesbaren Text: „Achtung! Wertvolle Menschen!“ Sind wir denn weniger wert als Rennpferde? Kommt es auf uns nicht an? Kommt es auf Menschen nicht so an, weil es ja reichlich davon gibt? Seltsamerweise ändert sich der Fahrstil vieler Autofahrer, wenn sie den Pferdetransport mit seinem Warnschild bemerken. Sie fahren vorsichtiger. Dieselben Fahrer überholen aber nach kurzer Zeit das nächste Personenauto mit scharfen und protzigen Manövern. Da sitzen ja nur Menschen drin und auf deren Nerven muss man keine Rücksicht nehmen. Ich werde mir beim Maler des Dorfes ein Schild bestellen: „Vorsicht, lebendiger Mensch mit Nerven!“ Das hänge ich dann an mein Fahrrad.

Das nächste Schild, das mir zu denken aufgibt, steht in der Grünanlage gleich drüben bei der Bushaltestelle. Es ist nicht so auffällig wie das Rennpferdeschutzforderungsschild, hat aber einen ähnlichen Inhalt. Diesmal ist vom Schildererfinder die Befehlsform gewählt worden. Wir lesen: „Bürger! Schützt eure Anlagen!“ Der Meinung wird wohl jeder von uns sein. Nichts ist hässlicher als ein Trampelpfad durch ein schönes und natürlich auch teuer bezahltes Rosenbeet. Nichts regt mich so auf wie ein gepflegter Vorgarten, den irgendwelche Typen zu einer Sperrmüllhalde gemacht haben. Mögen also solche Schilder auf den Grünflächen stehen, wobei aber ihre Notwendigkeit schon ein Armutszeugnis ist. Mir fehlt jedoch ein ähnliches Schild in unseren menschlichen Ansiedelungen. Es müsste deutlich lesbar den Text tragen: „Bürger! Schützt eure Mitmenschen!“ Ein zertretenes Rosenbeet kann wieder hergerichtet werden, wenn´s auch Mühe und Geld kostet. Eine zertretene Menschenseele ist gar nicht so leicht wieder zu heilen. Manchmal ist dieser Schaden unheilbar. Wie schnell treten wir aus Gedankenlosigkeit auf einer Menschenseele herum. Wie gern benutzen wir unsere Mitmenschen als seelischen Müllabladeplatz. Und wenn es nur Gedankenlosigkeit und Unaufmerksamkeit wäre. Doch manchmal treibt uns irgend ein innerer dunkler Drang, mit Bosheit etwas in einem anderen Menschen zu zerstören, das blühen und schön sein will. Es gibt eine Wachsamkeit mir selbst gegenüber, aus der heraus ich meinen Nächsten vor mir schützen kann und darf. Die Aufgabe, Menschen zu behüten, kommt wirklich nicht nur den Kindergärtnerinnen zu, die mit ihren quirligen Trupps von fröhlichen oder heulenden kleinen Kobolden spazieren gehen. Wer es lernt, seine Mitmenschen zu beschützen und zu behüten, wird ein behutsamer Mensch, ein Mitbürger mit Fingerspitzengefühl.

Ein Schild, das mir förmlich Schauer über den Rücken jagt, kann man ab und zu in Wohnungen lieber Mitbürger als Wandschmuck entdecken. Es ist meist in hübsch verschnörkelter Schrift gemalt und trägt den folgenschweren Text: „Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich meinen Hund.“ Man möchte wohl nicht glauben wollen, dass dieser Text so ernst genommen wird, wie er da zu lesen ist. Dann wäre er nichts weiter als eiskalte Menschenverachtung. Wer seinen Hund über seine Mitmenschen stellt, sollte mal zu einem Psychiater gehen. Man hofft jedoch, dass die betreffenden Leute sich diesen hässlichen Spruch aus Gedankenlosigkeit  an ihre Korridorwand hängen. Ich würde es nicht tun, denn ich hätte Angst, mit einem solchen schlimmen Schmuckstück meine Mutter tödlich zu beleidigen. Freilich gibt es immer wieder Situationen im Leben, in denen Menschen mich enttäuschen und im Stich lassen. Menschen können Menschen verraten. Menschen können Menschen quälen. Aber das andere ist eben auch eine nicht wegzuleugnende Tatsache: nur der Mensch kann den Menschen lieben. Man kann dasselbe auch andersherum sage: nur der Mensch kann vom Menschen geliebt werden. Zu Dingen der Welt kann ich Freude empfinden. Zu den Tieren, Blumen und Pflanzen kann ich Zuneigung haben. Aber liebenswert und liebenswürdig ist nur das Wesen mit dem menschlichen Antlitz. Menschen, die da von sich behaupten, ihr Hund wäre das einzige liebenswürdige Wesen auf der Erde, haben wohl nie gelernt, ihre Mitmenschen in Liebe anzunehmen. Oder sie drücken sich davor, das Wagnis der Liebe zu den Menschen einzugehen. Wenn meine Frau mir so ein Schild in die Wohnung gehangen hätte, gäbe es für mich nur zwei Möglichkeiten. Entweder würde der schön gemalte Spruch in hohem Bogen aus dem Fenster fliegen, oder der Ehepartner könnte die Korridortüre von draußen bewundern. Eine einzige Frau wie Therese von Kalkutta beweist durch ihr stilles und tapferes Leben, dass der Spruch „Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich meinen Hund“ eine Beleidigung ist, wenn man ihn ernst nimmt. Zu manchen Zeiten der Weltgeschichte stehen Haustiere sehr hoch im Kurs. Mag sein, dass diese Vorliebe einen leicht zu erklärenden Grund hat. Haustiere stören unsere Eigenliebe nicht.

Schließen wir unsere kleine Schildersammlung mit einem typisch berlinerischen und sympathischen Text. Ich fahre ab und zu an einem Gasthaus vorbei, an dem noch die alte Inschrift zu lesen ist: „Hier können Familien Kaffee kochen!“ Man kann diesen Text auch so übersetzen: herzlich willkommen, fühlt euch zu Hause. Meine Töpfe sollen eure Töpfe sein, mein Feuer soll euer Feuer sein.

Rennpferde sind schön, Blumenbeete erfreuen uns, Hunde sind rassig. Aber die Kraft zum Lieben gab Gott nur den Menschen.  

Amen.

Ordensgeistlicher Matthias David

Sommergrüße der Komturei Johanna von Orléans

Liebe Ordensschwestern, liebe Ordensbrüder, liebe Postulanten, liebe Postulantinnen, liebe Freunde und Förderer unseres Ordens, liebe Ordensgeschwister,

ein Leben unter der Maske ist uns auferlegt dort, wo viele Menschen zusammenkommen  – ob in Bahnhöfen, Geschäften oder Straßenbahnen – überall sind die Gesichter verhüllt. Und völlig verschwunden ist das Lächeln, das sonst überall den Alltag beschwingt. Unser ganzes Gesicht steht unter Generalverdacht der Ansteckung. Die Freude des Lächelns, Beginn jeder Kommunikation, wird damit erstickt. Aber überall, unter freiem Himmel ohne Maske, bei Spaziergängen in Parks und auf Wanderwegen, gibt es auch wieder Grüßen und Lächeln. Distanz hält gesund, Nähe kann krank machen – also nun Abstand halten – am besten 1,5 bis 2 Meter.

Das alles bringt mein soziales, seelisches Gleichgewicht in Unordnung, ist für mich aber leicht erträglich, da das Allgemeinwohl an erster Stelle steht. Für manche ist die Isolation aber gefährlicher und schädlicher als die Infektion. Schon Andreas Gryphius hat vor 400 Jahren angesichts von Pestinfektion, Kriegsverwüstungen und Hunger festgestellt, daß die Zerstörung der Seele schlimmer ist als der Tod. Er schreibt in seinem Gedicht „Tränen des Vaterlandes: “Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot: Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.“

Wer meint, „social distancing“ sei eine moderne, durch Corona gestiftete gesellschaftliche Einrichtung, täuscht sich gewaltig. Vielmehr sind Phänomene gesellschaftlicher Trennung uralte Bestandteile der Sozialgeschichte, auch der bayerischen!

„Vom Affenstall zum Heiliggeistloch“ von Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler

Entgegen der Lyrik der Fremdenverkehrs- und Gastronomieverbände war zum Beispiel das bayerische Wirtshaus nur selten ein Hort von Integration und Gemeinsinn. Man ging nicht in ein Wirtshaus, auf das man gerade Lust hatte, sondern in eines, das einem schichtenspezifisch zustand. Die Honoratioren in die Tafern- und Brauereigasthäuser, die Bauern in die Bauernwirtshäuser und die Arbeiter in die Arbeiterkneipen. Für Knechte und Mägde, Künstler und andere Underdogs blieben zwielichtige Stopselwirtschaften, Gassenschänken und Branntweinstuben. Auch im nur scheinbar egalitären Biergarten oder Volksfest war es undenkbar, daß sich der Knecht mir nichts, dir nichts an den Tisch seines Großbauern gesetzt hätte, um mit ihm Brüderschaft zu trinken. Augenscheinlichstes Symbol der sozialen Trennung war der sogenannte Affenstall, ein durch Latten abgegrenztes Geviert in der Wirtsstube, in das nur Pfarrer, Bürgermeister und Großbauern Zutritt hatten, um darin ihren allabendlichen Tarock oder Schafkopf zu spielen, Der „Affenstall“ war eine Notlösung in Orten mit nur einem Wirtshaus. Dieser Verschlag hatte aber auch seine Vorteile: Die Honoratioren waren zwar unter sich, konnten aber doch mit einem Ohr lauschen, welch aufrührerische oder ketzerische Reden die Untertanen führten. Selbstredend, daß sich der Begriff „Affenstall“ eher in den Reihen der Subalternen der Beliebtheit erfreute, selber bevorzugten die Honoratioren Begriffe wie „Salettl“ oder „Haimlichkeit“!

Was den Honoratioren des Dorfes Recht war, war dem Landadel billig. Das Bekenntnis zu christlicher Brüderlichkeit führte keineswegs so weit, sich am Sonntagsgottesdienst unter das gemeine Volk zu mischen. Da zwängte man sich lieber eine enge Wendeltreppe hinauf in die Gebetsnische, die allein für den Hofmarksherren und seine Familie reserviert war. Dort war man nicht nur dem Bauernvolk und seinen Stallgerüchen fern, sondern dem eucharistischen Geschehen in der Apsis nahe. Mehr noch, das Heiliggeistloch über dem Haupt ließ erhoffen, einer kleinen Portion geistlicher Inspiration direkt vom Sender, also ohne Umweg priesterlicher Verballhornung, teilhaftig werden zu dürfen. Und daß man dem neuen, vielleicht herzjesuroten Kaplan von oben her ein wenig in sein Predigtmanuskript schauen konnte, mochte ja auch nicht schaden.

Ob also Affenstall oder Heiliggeistloch: „Social distancing“ erfreute sich immer schon einer gewissen Beliebtheit, wenn es darum ging, Abstand zu schaffen. Da sind die heutigen Einmeterfünfzig ja geradezu sozialistisch gering!

Kaum noch bekannt ist heute der „Wettersegen“, ein monstranz- oder scheibenförmiger Behälter, der früher in den Bauernhäusern an der Wand hing. Er war seit der Barockzeit sehr beliebt und sollte mit vielen winzigen Gegenständen günstige Witterung bewirken und Unwetter abwehren. Um ein kleines Osterlamm wurden Amulette, Mitbringsel von Wallfahrten, Heiligenattribute, Naturstoffe wie Buchs, Lebensbaum, Palmkätzchen, Wacholderbeeren, Steine und diverse Früchte gruppiert. Auf der Rückseite des Wettersegens standen kurze Sprüche gegen alles Unheil.

In der Kirche wird der Wettersegen in der Zeit zwischen dem Fest des Evangelisten Markus (25. April) und dem Fest Kreuzerhöhung (14. September), und zwar an Stelle des Schlußsegens der sonntäglichen Eucharistiefeier erteilt.

Viele von uns sehen, daß das Leben in der Welt insgesamt in die Krise geraten ist. Corona, nachteilige Umweltveränderungen, Arbeitswelt, Schule, Familie und auch das religiöse Glaubensleben. Ganz elementar wird uns unsere Abhängig- und Hilflosigkeit vor Augen geführt. In solchen Zeiten fingen Menschen immer wieder an, ihre Verbundenheit mit Gott zu suchen und mit ihren Nöten sich an ihn zu wenden. So entstand auch die Tradition des Wettersegens.

In dem anschließenden Segensgebet geht es zunächst um gedeihliches Wetter für Mensch und Natur damit die lebensnotwendigen Gaben der Natur heranreifen können. Wir können es aber auch in einem erweiterten Sinn beten, für eine allgemein günstige „Wetterlage“ dieser besonderen Krisenzeit, damit wir all das, was Lebensnotwendig ist gedeihen kann und bleibt.

Wettersegen

Gott der allmächtige Vater,
segne uns und schenke gedeihliches Wetter;
er halte Blitz, Hagel und jedes Unheil von uns fern.
Er segne die Felder, die Gärten und den Wald und schenke uns die Früchte der Erde.
Er begleite unsere Arbeit, damit wir in Dankbarkeit und Freude gebrauchen,
was durch die Kräfte der Natur und die Mühe der Menschen gewachsen ist.
Das gewähre uns der dreieinige Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.  

Komtur Klaus Kunerl, Komturei Johanna von Orléans

Ritterliche Andacht

Am vergangenen Donnerstag den 2.7.2020 trafen sich die meisten Mitglieder der Komturei Berlin-Brandenburg “St. Georg” zu ihrer ersten Andacht nach dem pandemischen Stillstand in der Dorfkirche Alt-Tempelhof. Nach der ersten Wiedersehensfreude und Begrüßung führte Obr. Wolf die Andacht und Obr. Matthias hielt die Predigt zum sonntäglichen Evangelienthema “Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.” In der Hoffnung, dass die regelmäßigen Andachten nun wieder stattfinden können, verabschiedeten wir uns wieder.

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