EIN WUNDER, DAS IMMER WIEDER GESCHIEHT

(Predigtgedanken zum 19. Sonntag im Jahreskreis / 10. Sonntag nach Trinitatis, Mk 14:22 – 33, 1 Kön 18,1 – 2. 16b – 46. 19, 1 – 13)

EINE GROSSE STILLE

Wie ruhig der See jetzt ist! Schaut! Eine große Stille liegt über dem Wasser. Als wenn nichts gewesen wäre. Alle Ängste, Aufregungen, Kämpfe – vorbei. Die Geister und Ungeheuer sind verschwunden. Müde und mitgenommen gehen sie an Land. Ihre Gesichter sind gezeichnet. Doch in ihre Seelen schaut keine Kamera. Sie haben alle einen Namen. In der Statistik sind sie aber nur Zahlen. Und gerinnen zur Krise.

Heute gesellen sich zwei Menschen dazu. Der eine, Elija – aus der ersten Lesung – hat Erfahrungen mit Gewalt. Nicht mal als Opfer. Der andere, Petrus – aus dem Evangelium – ist gerettet worden. Vor dem Untergang standen beide. Sie sind, buchstäblich, an ihr Ende gekommen, an Grenzen, die nicht zu überwinden waren. Dass sie leben, verdanken sie einem Wunder. Dem Wunder, dass Gott sie nicht fallen lässt. Und sich ihnen offenbart. In einer großen Ruhe, die vor allem Anfang liegt. Sie können noch einmal neu anfangen. Die Stürme sind verebbt. Wie ruhig der See jetzt ist! Schaut!

Es ist schon etwas Einmaliges, in der Kirche zu sein.

ELIJA. DIE WAHRHEIT IST EIN HAUCH

Elija’s Geschichte ist verwinkelt und verworren. Zwischen Ekstase und Verlorenheit. Ich war eifrig, Gott zu verteidigen, sagt er. Leidenschaftlich. Unerbittlich. Konsequent. Ich habe mich angelegt mit den Priestern, die für andere Götter arbeiteten – für die Fruchtbarkeitsgötter, von denen es so viele gab. Nebenbuhler verträgt Gott nicht. Ich war ganz sicher, Gott richtig verstanden zu haben. Ich wusste, was wahr ist. Ich war immer mit mir im Reinen.

Am Ende siegt die Gewalt. Wie so oft in den Geschichten, die wir kaum entwirren können. Elija selbst legt Hand an. Waren es 450, gar 850 Priester, die umgebracht werden? Die Opferzahl ist nicht mehr zu eruieren. Ein Massaker. Aber wir kennen den Namen des Baches, der das Blut schlucken musste: Der Bach Kischon. Was dieser Bach zu erzählen hat! Und dann doch auswaschen, reinwaschen muss. Eine schreckliche Geschichte, fromm verbrämt und verklärt. Elija muss es sich sogar gefallen lassen, als Gotteskämpfer stilisiert zu werden – oder kam ihm das gerade recht? Aber man spürt die Zerrissenheit. Selbst in den alten, heiligen Texten. Wir sehen Elija in einer Höhle. Dort begegnet ihm – Gott. Es war sein sehnlichster Wunsch, ihn einmal zu sehen. Doch wie kommt Gott? In einem Sturm, der Berge zerreißt? In einem Erdbeben? Im Feuer? Das sind nicht nur Naturgewalten – das sind auch Bilder für Gewalt überhaupt. Unberechenbar. Unkontrollierbar. Einschüchternd. Gott selbst wird oft mit diesen Bildern geschmückt. Gewaltig – groß – unnahbar. Als ob er nur so Gott sein kann.

Gott aber erscheint in einem Hauch, in einem Säuseln, leicht, sanft. Wie ein Atemzug. Elija sieht auch nichts von ihm – er hört auch kein Wort, keine Stimme, nur den Hauch. Elija verhüllt sein Gesicht in seinem Mantel, schleicht nach draußen und stellt sich vor die Höhle. Elija hat Gottes Atem, seinen Lebensatem gehört – und dann ist ER weg. Jetzt ist alles still. Im Schweigen verhüllt. Elija atmet. Ein und aus.

Hatte Gott nicht am Anfang den Menschen seinen Atem gegeben? Ist sein Atem nicht meine Seele? Verbindet uns das nicht alle? Gott lässt sich hören. Gewalt ist nicht einmal in seiner Stimme. Wenn er kommt, atmet alles auf. Jetzt kommt Elija aus seiner Höhle. Die Welt sieht anders aus als vorhin. Dabei war es nur ein Hauch. Ein Hauch, der alles verwandelt, alles verändert.

PETRUS. EINE GLAUBENSGESCHICHTE

Ob Petrus den feurigen Elija’s kennt? Ganz sicher. Seine Geschichte wurde erzählt, in immer wieder neuen Variationen. Zuletzt soll Elija in einem feurigen Wagen in den Himmel gefahren sein. Da schlagen schon die Herzen der Kinder höher. Ein feuriger Wagen! Petrus ist Fischer, ein einfacher Mann. Eigentlich heißt er auch nur Simon. Aber Jesus hat ihn Petrus, Fels, genannt. Und steht treu zu ihm. Ein großes Vertrauen. Einen Beweis hat Petrus auch noch nicht erbringen müssen. Als er sich aber wenigstens zu Jesus bekennen soll, versagt er schmählich. Dabei nimmt er in der Regel den Mund immer zu voll. Wir kennen – und lieben – ihn als Draufgänger. Er überlegt nicht lange. In seinem Urteil ist er schnell sicher. Überschätzt sich dabei aber auch. Das passt zu ihm: Herr, lass mich über das Wasser gehen.

Dabei war das Boot weit draußen auf dem See, das Wasser aufgewühlt, der Sturm schier endlos. Die Wellen spielen mit dem kleinen Boot. Wir spüren die Angst, aber auch den Kampf. Die Jünger Jesu kennen den See, ihren See. Sie haben ihn schon so manches Mal nass und verschwitzt ihr Leben abgerungen. Wie sich das anhört? Und dann einer allein! Herr, lass mich über das Wasser gehen. Haben wir je davon gehört, dass ein Mensch über das Wasser geht? Über Wasser gehen kann? Und dann auch noch durch im Sturm? Eine schöne Allmachtsphantasie. Möchtest du nicht vielleicht auch in den Himmel fahren?

Es ist ein gewaltiges Bild! Mit gewaltigen Mächten. Der tosende, aufgewühlte See – das kleine Boot, unter Schaum und Gischt kaum auszumachen – hin und hergerissene Menschen, ganz allein auf sich gestellt. Nur: Jesus ist auch da. Von ihm werden Menschen staunend sagen, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen. Er ruft Petrus: Komm! Petrus aber versinkt. Wie erwartet, wie befürchtet. Dabei bestärken wir uns in unseren Vorbehalten und Zweifeln. Wir haben längst aufgegeben, das Unmögliche zu denken. Jesus aber hält Petrus fest. Er nennt ihn einen Kleingläubigen. Gibt es das Wort überhaupt? Gibt es denn auch Großgläubige?

Petrus weiß um seinen Kleinglauben. Er hat nicht nur diese entsetzliche Szene im Kopf, als er fast untergegangen wäre, er erinnert sich auch gut an jene Nacht, in der er Jesus einfach verleugnet hat. Dreimal. Es hätte ihm nicht geschadet, auch nichts gekostet, wenn er zu Jesus gestanden hätte. Eine schreckliche Geschichte. Jetzt ist Petrus untergegangen. Er hatte kein Vertrauen. Wohl auch kein Selbstvertrauen. Konnte er erwarten, womöglich hoffen, von Jesus noch einmal angesehen, angenommen zu werden? Wie auf dem See: Jesus hält Petrus fest, Jesus hält an Petrus fest. Er vertraut ihm sogar seine Kirche an, Menschen, die sich wie Petrus danach sehnen, glauben zu können, gehalten zu werden.

Die Geschichte von der Stillung des Sturmes ist eine Geschichte mitten aus dem Leben. Sie erzählt von Vertrauen, von Glauben, von Liebe. Und sie lässt uns wie in einem Spiegel unsere Angst, unsere Unsicherheit, unseren Kleinglauben sehen. Wie viele Untergangsgeschichten wohl heute zusammen kämen, wenn sie erzählt würden? Unter Großgläubigen sind wir nicht.

In gewisser Weise hat diese Geschichte traumhafte Züge. Sie braucht diese Züge auch, um von einem Wunder zu erzählen. Von einem Wunder, das immer wieder geschieht. Komm!

JESUS KOMMT ÜBER DEN SEE

Erzählen wir doch heute von dem Wunder der Stille. Elija lernt Gott in einem Hauch kennen. Er offenbart sich in seinem, in meinem Atem. Petrus begegnet er in einer großen Stille. Die Gewalt ist verstummt. Auch die Naturgewalt. Der Sturm ist gestillt. Gestillt. Still.

Erzählen wir doch heute von den Untergängen. Menschen gehen unter. Wenn sie nichts mehr haben, woran sie noch glauben können. Wenn ihre Hoffnungen immer enttäuscht werden. Wenn sie der Gewalt hilflos ausgeliefert sind. Wenn sie sich selbst verlieren. Die Seele aufgewühlt, ausgeliefert, ratlos. Stürmische See – im Herzen. Wir Menschen sterben viele Tode, bevor wir sterben. Der letzte ist wohl nicht der schlimmste.

Im Evangelium sehen wir Jesus über den See kommen. Er kommt uns im Sturm entgegen. Er hält auch die, die gerade auf der Flucht sind. Ausgeliefert. Von Schleppern verkauft. Auf der Suche nach einer neuen Heimat. Kleingläubige sehen keinen Weg. Kleingläubige gewähren kein Vertrauen. Kleingläubige verlieben sich in ihre Zweifel. Jesus kommt über den See. Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Habe ich? Wir könnten einmal tief durchatmen …

Seneschall Matthias David