(Predigtgedanken zum Fest der Heiligen Familie / 1. So. n. Christfest, Mt 2:13-15, 19-23 / Sir 3:2-6, 12–14 / Kol 3:12-21)
Umfragen bestätigen, dass die Mehrzahl der Menschen sich nach einer Familie sehnt, in der sie geborgen sind und Stütze und Halt finden. Fakt ist aber auch, dass dies oft nicht gelingt. Familie braucht wechselseitiges Geben und Nehmen, Liebe, Barmherzigkeit, Geduld. Das gemeinsame Unterwegssein auf Gott hin stärkt diese Haltungen, die Familie wachsen lassen.
FAMILIEN ZWISCHEN GEBORGENHEIT UND ENTTÄUSCHUNG
Der letzte Tropfen hat das Fass zum Überlaufen gebracht! Liebe Brüder und Schwestern. Wir kennen das aus vielen Situationen in unserem Leben. Leider befürchte ich das für viele Ehen und Familien. Das Weihnachtsfest, das Fest der Familie, war wahrscheinlich auch in diesem Jahr für manche Familien der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte oder der Beginn einer Ehe- und Familienkrise. Leider. Das klingt doch sehr pessimistisch. Ich befürchte aber: Es ist so. Wie froh wäre ich, wenn es anders wäre.
Familie – ist für viele ein Ort der Geborgenheit. Für andere ist es ein Ort der Enttäuschungen und Traurigkeiten. Wenn auch viele Menschen heute Enttäuschungen in ihrer Familie erleben, so wünschen sich bei Umfragen regelmäßig immer wieder viele junge Menschen eine Familie. Familie hat auch etwas mit Heimat zu tun. Wir brauchen Heimat. Unter Heimat verstehe ich in diesem Zusammenhang Menschen, die mich annehmen, die für mich da sind, wenn ich krank bin, wenn ich alt bin. Unter Heimat verstehe ich Menschen, die zu mir ja sagen, in meinen guten Seiten wie auch in meinen Schwächen. Menschen können mir auf diese Weise Heimat geben. Ich selbst kann das auch geben und schenken. Wir suchen diese Erfahrungen gerade in unserer Familien. Unter Heimat verstehe ich den Ort, an dem ich in meiner Muttersprache reden kann und deswegen nicht angefeindet werde. Unter Heimat verstehe ich den Ort, an dem ich die überlieferten Bräuche und Feste ausüben kann, ohne in eine radikale Ecke gestellt zu werden. Unter Heimat verstehe ich die traditionelle Religionsausübung, ohne mich bei irgendeinem dahergelaufenen dafür entschuldigen zu müssen.
GEBEN UND NEHMEN
Doch um das zu erfahren ist es notwendig, eines zu wissen: Das Leben besteht aus Geben und Nehmen, auch Schenken und Beschenkt werden. Jeder kann und muss den eigenen Beitrag dazu geben, damit das Leben in der Familie gelingt. Ich spüre, dass es nicht einfach ist. Ich merke das ganz besonders an den Lesungen und auch am Evangelium, dass Familie eine spannende und schwierige Geschichte ist.
Jesus Sirach spricht zum Beispiel von der Achtung der Kinder den Eltern gegenüber. Wenn der Weisheitslehrer vom „Schätze sammeln“, wenn er denen „Erhörung ihrer Gebete“, wenn er ein langes Leben denen verheißt, die ihre Eltern ehren, dann zeigt er, wie wertvoll und wie sinnvoll dieses Verhalten vor Gott ist. Es gilt, für die Eltern da zu sein, wenn sie im Alter krank und gebrechlich sind. Die Liebe zu den Eltern deckt viele Sünden zu.
GEDULD, RÜCKSICHTNAHME, BARMHERZIGKEIT UND EINFÜHLUNG
Hat der Weisheitslehrer daran gedacht, wie belastet gerade das Verhältnis zu den Eltern sein kann? Die Schuld dafür kann bei beiden liegen. Eltern und Kinder haben sich oft Wunden geschlagen. Versöhnung ist da schwer. Vielleicht aber gelingt sie zumindest innerlich. Immerhin sind es die Eltern, die einem das Leben geschenkt haben. Dennoch ist es oft schwer, sich zu versöhnen. Es ist aus eigener Kraft nicht zu schaffen.
Jesus Sirach aber spricht ganz wichtige Eigenschaften an, die für ein Zusammenleben wichtig sind. Es sind Geduld, Rücksichtnahme, Barmherzigkeit und Einfühlung. Jeder braucht diese Erfahrungen. Jeder macht immer wieder die Erfahrung von Schwäche. Wenn wir Rücksicht auf die Eltern im Alter nehmen, dann geben wir ihnen das, was sie uns geschenkt haben, als wir Kinder waren. Jeder von uns wird einmal in das Alter, in die Situation kommen, wenn Kräfte und Gesundheit nachlassen. Es gilt immer wieder daran zu denken.
GEGENSEITIGE LIEBE ALS BASIS
Wie aber können wir das alles leben? Dazu ist eines notwendig – die gegenseitige Liebe. An Weihnachten haben sich die meisten von uns besonders schön angezogen. Paulus nennt eine Kleidung anderer Art: „Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld!“ „Die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält!“
Wenn in der Bibel von Kleidung gesprochen wird, dann geht es um eine tiefe innere Haltung. Diese Kleidungsstücke, diese „inneren Haltungen“ sind es, von denen unser Miteinander bestimmt werden soll. Diese inneren Haltungen, auch Tugenden genannt, können wir uns erwerben, uns redlich darum bemühen. Jeder braucht „aufrichtiges Erbarmen“, wenn er Fehler macht, wenn er am Boden liegt. Jeder wünscht sich „Güte“, weniger Härte. Die Demut kann mich eines lehren: Wie andere bin auch ich ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Darum überlege ich mir, wie ich andere auf Fehler aufmerksam mache, wenn dies nötig ist. Ich achte einen anderen in dem, was er gut kann, in dem, was er besser kann als ich. Daraus folgt auch, dass ich Milde walten lasse und dem Anderen Geduld schenke. Ich fordere nicht von ihm, perfekt zu sein. Sind wir gegenüber uns ehrlich. Jeder braucht diese Erfahrungen, jeder sollte darum das alles auch dem anderen schenken.
GEFÄHRDETES IDEALBILD
Klar beschreibe ich ein Idealbild von Familie. Ich beschreibe das, was sich die allermeisten wünschen und was auch am allermeisten enttäuscht wird. Familie ist immer gefährdet gewesen. Die „Heilige Familie“ war ebenfalls gefährdet. Man trachtete dem Kind nach dem Leben. Josef, Maria und Jesus mussten fliehen. Glück ist zuweilen sehr brüchig und fragil. Doch im Evangelium fällt mir eines auf. Gott schützt seine Familie. Drei Mal hat Josef einen Traum, indem ihm der Engel Gottes sagt, was er zu tun hat. Durch die Weisungen im Traum findet Josef die Heimat, die Gott ihm zugedacht hat. Ein Traum ist eine von vielen Weisen, in denen Gott den Menschen seinen Willen zeigt.
GLAUBE ALS STÜTZE
Josef und Maria waren ganz offen für den Willen Gottes. Sie lebten in tiefer Verbundenheit mit Gott. Darum konnten sie Gottes Willen erkennen. Sie waren offen wir Gottes Anruf. Eine Familie kann auch ein Ort sein, an dem wir das Glauben lernen, Eltern wie Kinder. Sie kann ein Ort sein, wo wir gemeinsam in den Glauben hineinwachsen. Familie kann ein Ort sein, in dem wir miteinander uns auf dem Weg wissen zu Gott, wo wir mit Gott verbunden leben. Ein echter Glaube an Gott kann Kraft geben, die Herausforderungen, die ein Zusammenleben in der Familie mit sich bringt, anzunehmen. Der Glaube an Gott kann helfen, in der Liebe zu wachsen und zu reifen. „Wo die Liebe und die Güte wohnt, dort wohnt Gott.“ Der Glaube kann auch unsere Familien schützen in Anfechtungen und Schwierigkeiten.
Wie wichtig ist der Glaube im Leben meiner Familie? Das ist die Frage, die wir uns heute stellen dürfen. Führen wir hin und wieder auch Gespräche über den Glauben oder geht es nur um die Befriedigung von persönlichen Bedürfnissen, wie z.B. Fußball, Politik, Schulnoten …? Wie steht es mit dem Interesse an unserem Nächsten. Ich glaube, das alles sind Möglichkeiten, um als Familie gemeinsam im Glauben zu wachsen. Dann wird es auch keinen Tropfen geben, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Seneschall Matthias David
