GOTT HAT UNS SEINEN NAMEN ANVERTRAUT

(Predigtgedanken zum 3. Fastensonntag: LK 13:1-9, Ex 3:1-15, 1Kor 10:1-12)

Die Bilder „Dornbusch“ und „Feigenbaum“ stechen hervor aus den Lesungen dieses Sonntags. In unterschiedlicher Weise sind sie Bilder der Gegenwart Gottes.

WENN BÜSCHE UND BÄUME PREDIGEN

Es ist keine Überraschung! Ein Dornbusch kann brennen – und ein Feigenbaum soll Feigen tragen. Soweit ist auch alles klar. Der Dornbusch ist Wüstengestrüpp, der Feigenbaum eine Nutzpflanze. Der Dornbusch gibt sich mit karger Umgebung zufrieden, der Feigenbaum will umhegt und gepflegt sein.
Eine Überraschung allerdings ist, dass beide heute in der Predigt die Hauptrollen spielen sollen. Blumen in der Kirche finden wir schön, aber Dornbusch und Feigenbaum?

DORNBUSCH

Beginnen wir mit dem Dornbusch! Mose hütet gerade die Schafe seines Schwiegervaters. Sie kennen Mose? Er wird das in Ägypten gefangen gehaltene Volk Israel in das berühmte gelobte Land führen. Vorher ist er in einen Mordfall verwickelt – und findet buchstäblich unter Schafen und Ziegen Zuflucht. Weit ab von der Zivilisation. Genannt wird als Ort der Horeb, schon mal als Gottesberg vorgestellt. Das Land ist karg – ein Gebirge.

Mose sieht einen Dornbusch brennen. In der Gegend, bei den Temperaturen, gibt es regelmäßig Buschbrände. Aber dass der Busch nicht verbrennt, macht Mose stutzig. Neugierig nähert er sich dem geheimnisvollen Ort. Er sieht das Leuchten, er sieht das Licht, er sieht die Flammen – aber was dann folgt, ist eher etwas für die Ohren. Für Moses Ohren und für unsere. Mose hört, er solle seine Sandalen ausziehen – das Land, auf dem er stehe, sei heilig. Und dann stellt sich Gott ihm vor:
            „Ich bin der Gott deines Vaters,
            der Gott Abrahams,
            der Gott Isaaks
            und der Gott Jakobs
.“

Kennt Mose ihn? Ist er ihm schon mal begegnet? Und – woher kennt Gott Mose? Wieso kommt er hier her? Viel Zeit, darüber nachzudenken, hat Mose nicht. Wäre er doch nur nicht so neugierig gewesen! Sein ganzes Leben wird jetzt auf den Kopf gestellt. Er solle zum Pharao gehen – dem ägyptischen König – und ihm sagen: Israel hätte jetzt genug Frondienst geleistet, genug Unterdrückung erfahren, genug gelitten. Er, der Schaf- und Ziegenhirte sollte das sagen! Später wird es das Urbekenntnis Israels sein, von Gott selbst befreit worden zu sein. Die Geschichte fängt hier an – am Horeb. Mit einem brennenden, leuchtenden Dornbusch.

In der aktuellen Situation träume ich davon, dass ein Mose zu Putin geht: Dein Volk hat genug Frondienste geleistet, die Ukraine genug Unterdrückung erfahren, unschuldige Menschen genug gelitten.
Es ist kaum eine Geschichte so schwer wie die der Freiheit.

Fragen Menschen, wer denn hinter dieser Geschichte stecke, sollen sie nicht einfach „Gott“ sagen – Gott heißt „Der ich bin“. Gott stellt sich so vor. Er hat schon längst eine Geschichte mit Menschen. Er ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Namen sind auch sonst oft geheimnisvoll verschlüsselt, aber dieser Name hat es in sich. Wer ich bin, entdeckst du, wenn du mir vertraust. Wer ich bin, entdeckst du, wenn du mit mir gehst. Ich gehe mit euch. Ich bin in eurer Mitte. Mose sieht nur das Leuchten, das den Busch in Flammen hüllt. „Der ich bin“ ist voller Liebe. „Der ich bin“ hat Zukunft für Menschen. „Der ich bin“ umfasst Himmel und Erde. Philosophen nannten ihn das höchste Sein, den unbewegt Bewegenden – Gott hat sich solchen Festlegungen immer entzogen. Im Vaterunser dürfen wir ihn als „unseren Vater“ ansprechen. „Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe“.

Drei Worte hat Gott noch für Mose: Und jetzt geh!

FEIGENBAUM

Jetzt sind wir beim Feigenbaum angekommen. Jesus erzählt von ihm. Es ist ein Gleichnis. Gleichnisse fangen so an: Schaut mal. Dann nimmt Jesus seine Hörer sozusagen an die Hand und führt sie in ihr eigenes Leben.

Der Feigenbaum hätte längst tragen müssen. Ob er überhaupt schon einmal getragen hat, erzählt Jesus nicht. Vielleicht ein junger Feigenbaum? Der Besitzer ist nicht gerade glücklich. Er hat den Feigenbaum gepflanzt, um eine gute Ernte zu erzielen. Er lebt schließlich davon. Hau ihn um! Sagt er. Hau ihn um!
Das Leben ist hart genug. Es gibt auch sonst Ernteausfälle oder einfach schlechte Ernten. Jedes Jahr ist anders. Doch der Winzer, der sich um die Feigenbäume kümmert, bittet für einen Feigenbaum. Er kämpft um ihn. Er gibt ihm nicht nur Zeit, er lässt ihm das Höchstmaß an Pflege angedeihen.
Das ist Vertrauen: Vielleicht trägt der Feigenbaum doch noch. Umhauen kann man ihn später immer noch. Aufgeben kann man später. Und in diesem „später“ drückt sich die Hoffnung aus, dass es soweit nicht kommen wird. Sonst hätte man ja jetzt schon entscheiden können. Welchen Sinn hätte es, noch zu warten?

Als Jesus die kleine Geschichte erzählt, sieht er, wie die Menschen nicken. Nicht nur der Feigenbaum braucht eine Chance. Aber die Drohgebärde: ab jetzt hat das zu klappen – findet sich in diesem Gleichnis nicht. Zugegeben: viele Menschen haben diese Drohgebärde kennen gelernt, viele Menschen haben sie auch erbarmungslos eingesetzt. Es wurde viel umgehauen! Es wurde viel zu schnell umgehauen!

Jesus schlüpft in die Rolle des Winzers. Liebevoll bereitet er uns den Boden. In seiner Liebe können Menschen wachsen. Die Früchte, die der Feigenbaum trägt, sind gewiss – Feigen. Die Früchte, die wir bringen, sind bunt und vielfältig.
Früchte könnten unter uns sein, einen anderen Menschen nicht umzuhauen – einem anderen Menschen zu helfen, die guten Seiten zu entdecken – der Hoffnung zu trauen, dass auch Feindschaft nicht das letzte Wort behalten kann.

Ihnen fallen bestimmt noch weitere schöne Früchte ein. Sie können auch auswählen. Es gibt so viele gute Früchte. Man kann sie wachsen lassen. Man kann sie behutsam in die Hand nehmen. Man kann sie mit einem Lächeln teilen. Schließlich ist jeder Mensch anders. Wenn es die Liebe ist, reichen die Körbe nicht – für die Früchte. Und die Geschichten reichen nicht, von den vielen Neuanfängen zu erzählen. „Später“ werden wir noch mehr zu erzählen haben.

Aus Kriegsgeschichten wollen wir ausbrechen. Hass und Angst sind keine Früchte, die uns den Geschmack des Lebens schenken. Wie schön ist doch der Feigenbaum, wenn er einsam und verlassen in einer Ruine der Hölle trotzt?

DORNBUSCH UND FEIGENBAUM

Es ist keine Überraschung! Ein Dornbusch kann brennen – und ein Feigenbaum soll Feigen tragen. Soweit ist auch alles klar. Aber wussten Sie, dass der Dornbusch Früchte trägt – und der Feigenbaum einem Lichtkegel gleicht?

Aus den Dornen kommt Gottes Ruf. „Der ich bin“ ist der Gott, der Menschen in die Freiheit führt. Die Herren dieser Welt haben noch nie damit gerechnet. In ihrem Wahn opfern sie sogar ihre Völker. Die Dornen tragen Früchte: Ich bin bei euch. Alle Tage. Bis an das Ende der Welt.

Und der Feigenbaum wird zu einem Licht mitten am Tag. Es sieht so aus, als ob er noch Zeit braucht. Wir alle brauchen noch Zeit. Aber er wird seine Früchte bringen. Überraschend. So reich, dass die Körbe, dass die Geschichten nicht reichen.

Gott, der eine Geschichte mit uns hat, mit unseren Vorfahren, mit Abraham, Isaak, mit Jakob und den vielen anderen, hat uns seinen Namen anvertraut, seinen Namen für immer. Treu und verlässlich steht er zu seinem Wort. So rufen wir ihn an von Generation zu Generation.

Seneschall Matthias David