WAS ZU VERLIEREN UND WAS ZU GEWINNEN IST

(Predigtgedanken zum 1. Fastensonntag Mt 4:1-11, Gen 2:7-9; 3:1-7, Röm 5:12-19)

DER BAUM IN DER MITTE DES GARTENS

Aller guten Dinge sind drei! Drei Geschichten will ich erzählen. Aus dem Vollen geschöpft. Ähnlichkeiten sind beabsichtigt und nicht zufällig.

Die beiden hatten es gut. Bisher war ihnen alles in den Schoß gefallen. Sie hatten ihr – Paradies. Aber es wurmte sie der Baum in der Mitte ihres Gartens. Seine Früchte waren verführerisch – sie aber sollten nicht von ihnen essen. Sie hatten so viel, sie hatten alles. Es fehlte ihnen nichts. Wenn doch nur dieser Baum nicht wäre! Erst umzingeln sie ihn. Ziehen ihre Kreise immer enger. Jetzt! Sollte Gott gesagt haben? Hat er. Aber sie hören die andere Stimme. Ihr könnt euch doch diese Früchte nicht entgehen lassen. Euch gehen die Augen auf. Alles, was euch noch fehlt, findet ihr hier. Was “gut” und “böse” ist, werdet ihr erkennen. Wenn ihr diesen Schlüssel nicht habt – ist alles nichts. Und der Baum steht in der Mitte, ist schön anzusehen – zu schön, um die Finger von ihm zu lassen. Wie das so ist: alles ist auf einmal nichts. Jetzt! Das Glück!

Wie die Geschichte weiter geht? Eva ist nackt, Adam ist nackt. Was einmal ihr Vertrauen ausmachte, macht sie schwach. Hinter der Stirn ist kein Blick frei. Auf einmal gibt es Absichten, Interessen, Spiele um Macht und Einfluss, auf einmal gibt es Verdächtigungen und Unterstellungen, gierige Blicke und nicht nur sexuelle Ausbeutung – Menschen machen sich zur Ware, werden käuflich und müssen sich ständig verstellen. Mehr: sie müssen sich verstecken. Aber tragen nicht auch Lumpen feine Nadelstreifen? Die Feigenblätter lassen wir den Modemachern.

Und wer ist schuld? Eva ist schuld, sagt Adam. Nicht ohne die süffisante Bemerkung: “die du mir gegeben hast”. Also: ist Gott schuld? Jetzt weiß Eva zumindest, woran sie ist. Sie bekommt alles mit, die weiße Weste wird offen getragen. Jedes Mittel wird ab jetzt recht sein. Hauptsache, die Schuld kann verschoben werden. Nichts wie weg. Und Eva muss das Spiel mitspielen. Die Geschichte der Menschen – eine Geschichte der Schuldzuweisungen. Die anderen. Die da oben. Die da unten. Die Fremden. Der schlechte Einfluss. Und so weiter. Was ist denn jetzt “gut” und “böse”? Wenn alles relativ ist? Für alles Argumente gefunden werden? Das Böse gut und das Gute böse genannt wird?

Sollte ich noch von der Schlange reden? Das arme Vieh!

VIERZIG JAHRE DURCH DIE WÜSTE

Aber hier kommt die zweite Geschichte. Menschen sind unterwegs. Der Chronist meint, es seien 40 Jahre gewesen, die das Volk Israel in der Wüste verbracht habe. Aus Ägypten sind sie aufgebrochen. Weg von der Unterdrückung. Ein eigenes Land, eine eigene Geschichte, eine eigene Zukunft liegt vor ihnen. Aber was soll ich sagen? Der Weg ist beschwerlich. Die Menschen haben das Gefühl,

endlos lange unterwegs zu sein. Sie gehen im Kreis. Sie verirren sich. Sie haben Hunger und Durst. Irgendwann können die Menschen ihre eigenen Geschichten nicht mehr hören. Sie reden, aber sie hören nicht mehr zu. Sie verklären ihre

Lebensgeschichten, sind aber allein. Sie träumen, aber die Steine werden immer härter. Wenn jetzt etwas gedeiht – dann die Versuchungen. Der Chronist erzählt die Geschichten, die Verwirrungen und Ausbrüche. Mose ist schuld. Gott ist schuld. Mit dem haben die Menschen – offen gesagt – ihre größten Probleme.

Seine Verborgenheit macht ihnen zu schaffen. Was er sagt – oder sagen lässt – nicht weniger.

Vielleicht sind Erfahrungen, die Menschen auf einem langen Weg machen, von einer besonderen Bedeutung. Es ist eine Ausnahmesituation, kein Alltag. Und doch stellt jeder Tag eine neue Herausforderung. Die Herausforderung, mit Angst umzugehen, aber auch die Langeweile auszuhalten, die Herausforderung, das Wichtige mitzunehmen, sich aber kein schweres Gepäck aufzuhalsen.

Jahre später, längst wieder mit der Routine, die den Lebensalltag auszeichnet, lassen sich Erinnerungen, vielleicht auch Lehren ziehen. Für Israel hat es – unter anderem – eine Gruppe von Menschen gemacht, die das Buch Deuteronomium geschrieben haben. Da heißt es (Dtn 8:1-6): “Ihr sollt auf das ganze Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, achten und es halten, damit ihr Leben habt und zahlreich werdet und in das Land, das der Herr euren Vätern mit einem Schwur versprochen hat, hineinziehen und es in Besitz nehmen könnt. Du sollst an den ganzen Weg denken, den der Herr, dein Gott, dich während dieser vierzig Jahre in der Wüste geführt hat, um dich gefügig zu machen und dich zu prüfen. Er wollte erkennen, wie du dich entscheiden würdest: ob du auf seine Gebote achtest oder nicht. Durch Hunger hat er dich gefügig gemacht und hat dich dann mit dem Manna gespeist, das du nicht kanntest und das auch deine Väter nicht kannten. Er wollte dich erkennen lassen, dass der Mensch nicht nur von Brot allein lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht. Deine Kleider sind dir nicht in Lumpen vom Leib gefallen und dein Fuß ist nicht geschwollen, diese vierzig Jahre lang. Daraus sollst du die Erkenntnis gewinnen, dass der Herr, dein Gott, dich erzieht, wie ein Vater seinen Sohn erzieht. Du sollst auf die Gebote des Herrn, deines Gottes, achten, auf seinen Wegen gehen und ihn fürchten.”

Hier wird ausgesprochen, das Gott Menschen auf die Probe stellt, sie also “versucht” – bei allem, was sie erleben oder erleiden: der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht. Dabei steht Brot für alles, was wir Menschen im Leben brauchen: für Essen, Kleidung,

Freundschaft, Arbeit, Spaß – und Gottes Wort steht für Verheißungen, die über den Tag hinausführen, für Vergebung, die neue Anfänge möglich macht, für Weisheit, das Gute zu finden und das Böse zu entlarven. Auf einem gemeinsamen Weg, einer dicht beim anderen, teilen Menschen das Brot und das Wort. Dieser Blick in die Vergangenheit eröffnet Zukunft.

EIN MENSCH, DER UM SEINEN WEG RINGT

Es ist eine lange Geschichte geworden. 40 Jahren angemessen? Aber waren es 40 Jahre? Vierzig steht für eine dichte Zeit, in der Menschen alles erlebt haben, was sie erleben konnten – mit sich, mit anderen, mit Gott. Matthäus, der Evangelist, verknüpft seine Geschichte – die Geschichte von der Versuchung Jesu – mit den Wüstenerfahrungen des Volkes Israel. 40 Tage! Und so geht es in dieser Geschichte:

Jesus fastet. Er denkt über seinen Weg nach. Er steht erst am Anfang. Was ist denn sein Auftrag? Was soll, was kann er machen? Exerzitien sozusagen. Gut, Jesus so zu sehen. Nichts ist hier abgehoben. Wir sehen einen Menschen, der um seinen Weg ringt. In der Einsamkeit, ohne Gesprächspartner, begegnet ihm der Versucher.

Verwirrer, Zerstreuer – so lässt sich sein Name übersetzen. Er übernimmt die Rolle, Alternativen einzuflüstern: aus Steinen Brot zu machen – von der Zinne in die Tiefe zu stürzen und doch aufgefangen zu werden – sich die ganze Welt zu Füßen legen zu lassen. Und: es sind Alternativen! Abbrechen und essen, ja, sogar aus Steinen Brot erstehen lassen. Das Risiko eingehen und etwas Großes wagen. Eben ein Sprung in die Tiefe. Gott auf die Probe stellen. Einfach mal testen, wie weit der Glaube reicht. Und dann alles nehmen, was es zu nehmen gibt. Alle Reichtümer dieser Welt stellt der Verführer vor. Ein weiter Blick. So weit das Auge reicht: es könnte dir gehören – du musst nur wollen. Es sind Möglichkeiten den Weg weiterzugehen – auch für Jesus – aber es wäre nicht mehr der Weg, der Gott zu den Menschen und Menschen zu Gott bringt. Es wäre nicht der Weg, über den der Glückwunsch geschrieben werden könnte: Glücklich der Mensch, der vor Gott arm ist – ihm gehört das Himmelreich.

Wie wird Jesus sich entscheiden? Was ist sein Weg? In dieser Geschichte, Szene für Szene, wird ihm klar, was seine Berufung ist. Jesus wehrt den Verwirrer ab, weist ihn von sich – mit Worten, die geschrieben sind. Auf die er nur verweisen muss. Die schon eine Geschichte mit Menschen haben. Worte, die eine Verheißung haben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein – Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen – Du sollst Gott allein dienen. Hier sehen wir die Entscheidung reifen. Zu diskutieren, abzuwägen ist da am Ende nichts. Das macht diese Geschichte, diesen Weg so klar!

Vor einigen Jahren erregte ein Film Aufsehen und Ärgernis. “Die letzte Versuchung”. Der Film erzählt die Geschichte Jesu, auch die Begegnung mit dem Teufel in der Wüste. Aber die Alternative, den Weg nicht – oder nicht zu Ende – gehen, stellt sich am Kreuz wieder. Die Menge johlt: Steig vom Kreuz – wenn du Gottes Sohn bist. Die letzte Versuchung. Im Film bricht Jesus seinen Weg am Kreuz ab – und landet in den Armen einer Frau. Fromme Gemüter erhitzten sich, als sie das sahen. Aber verstanden sie, was der Film mit seinen bescheidenen Mitteln erzählte? Als Alternative zeigte? Dass unsere Erlösung auf dem Spiel stand – als Jesus um seinen Weg rang. Zuletzt sogar gottverlassen.

MIT GOTTES WORT DEN WEG NEU FINDEN

Drei Geschichten. Geschichten, in denen es um Versuchung geht. Der tiefere Sinn des Wortes erschließt sich, wenn es um “Versuche” geht, die wir Menschen machen. Es gehört zu unserem Leben, Grenzen zu überwinden, Durststrecken zu überstehen und uns Ziele zu setzen. Wir testen unsere Fähigkeiten, unser Selbstvertrauen aus, aber auch die “Leidensfähigkeit” und Treue anderer Menschen. Wir brauchen den Mut zum Risiko und wagen Großes. Wir lassen uns den Baum in der Mitte des Gartens nicht verbieten.

Heute bitten wir darum, dass wir “gut” und “böse” erkennen – ohne uns gegenseitig Feigenblätter machen zu müssen. Heute bitten wir darum, auf unserem Weg nicht der Versuchung zu erliegen, mit Brot genug zu haben (und alles, was mit Brot gemeint ist). Heute bitten wir darum, über unseren Weg Klarheit zu finden. Denn das erzählt die Geschichte, die im Paradies anfängt und in der Wüste endet: wir sind Menschen, die Wunder brauchen, Beweise für ihr Vertrauen suchen und sich blenden lassen von Reichtum, Schönheit und Macht.

Drei Geschichten. Geschichten, in denen es um Versuche geht. Ich habe mir vorgenommen, in den nächsten 40 Tagen bewusst darüber nachzudenken, was ich verliere und was ich gewinnen kann. Wenn ich mit Gottes Wort meinen Weg wieder neu finde. Aller guten Dinge sind drei!

SEGEN: Der Ewige, gelobt sei sein Name,

begleite dich, wenn dich dein Weg in die Wüste führt. Der Treue, gelobt sei sein Name, sei dir nahe, wenn du an die Grenzen deines Vertrauens kommst. Der Barmherzige, gelobt sei sein Name, fange dich auf, wenn du den Halt unter deinen Füßen verlierst. Im Namen des Vaters+ und des Sohnes+ und des Heiligen Geistes+. Amen

Seneschall Matthias David