DER TIEFE FALL

So kann nur Johannes ins Haus fallen:

Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.

Die Worte überschlagen sich fast, verknoten sich in einander. Ich verstehe, warum Johannes von den Menschen früher als Adler vorgestellt wurde – weiter Blick, scharfes Auge – und dann: Sturz in die Tiefe. Der ist dann auch gelungen. Nur ich stehe ratlos, fassungslos da. Mir fehlen die Worte.

HINTER DEM STALL

Heute ist Weihnachten. Aber erzählt Johannes eine Weihnachtsgeschichte? Es tauchen keine Engel am nächtlichen Himmel auf, Hirten lagern nicht auf den Feldern – nicht einmal ein Stall ist zu finden. Weder in Bethlehem noch sonst wo. Wer den Stern sucht, sucht ihn auch vergebens. Es macht sich auch keiner auf, die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist – wie Lukas so fein und schön beschreibt.

Johannes holt dafür weit aus. Sein Blick richtet sich auf den Anfang. Auf den Anfang von allem. Wo wir, meistens gedankenlos, von einem Urknall träumen, lässt er uns Liebe sehen, die Liebe Gottes: eine schöne Schöpfung, ganz in Licht getaucht – und Lebensmöglichkeiten, Wege, Perspektiven. Nein, Johannes ist zu klug, um den Anfang in der Vergangenheit zu suchen. Was wissen wir denn, wenn wir den Anfang mit Milliarden Jahren zudecken?

Paul Gerhardt, ein Liederdichter, der die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges gesehen hat, fand eigene Worte für den Anfang:

Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.

Ich sehe meine eigene Lebensgeschichte lange vor meiner Geburt beginnen. Wort für Wort erschließt sich mir ein Geheimnis: “mir geboren”, “mir zu eigen gar”, dann gesteigert: ” wie du mein wolltest werden”. Weihnachten: mein Geburtstag, mein Anfang, mein Leben.
Es ist tatsächlich so: Wer das Licht der Welt erblickt, dem wird die Schöpfung ganz neu geschenkt. Für ihn gibt es den ersten Tag, das Licht – ihm wird aber auch der siebte Tag geschenkt, die Ruhe, der Schabbat. Hier noch gekrönt mit einem Wort aus der himmlischen Liebeslyrik: “wie du mein wolltest werden”. Nur Verliebte wagen so zu sprechen.

Johannes schenkt uns sozusagen eine Begegnung mit dem Schöpfer, der mit seiner Liebe einen neuen Anfang macht. Mit Menschen, die Leben verlieren, Zukunft verspielen, schuldig werden, Angst haben und Angst machen.

Paul Gerhardt dichtet:

Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht,
wie schön sind deine Strahlen.

Ich sehe das Licht, ich spüre die Wärme. Das Wort, von dem Johannes so viel zu sagen weiß, geht mir als Sonne auf. Ein wunderschöner Klang: Licht, Leben, Freud und Wonne. Fast ein wenig versteckt, aber dann geradezu übermächtig: mir zugebracht.

Weihnachten wird so auch zu einer Gelegenheit, einmal hinter den Stall zu gehen. Ob die Schritte gut tun? Hinter jedem Stall ist die Welt groß, alltäglich, nicht geschmückt – mal braun wie die Erde, mal grün wie die Weide – mal vom Regen aufgeweicht, mal einer Blumenwiese gleich. Wenn die Sonne aufgeht, wacht auch im Stall das Leben auf, geht sie unter, beginnt in ihm die Nacht.

Johannes hat ein großes Gedicht über die Kraft des Wortes geschrieben, über die Schöpfung – und über jeden neuen Anfang. Gott hat seine großen Seiten in ein Wort gelegt, ihm eine Stimme gegeben, ein Gesicht, ein Lächeln. Jesus. Wie schön sind seine Strahlen!

GEREDET WIRD VIEL – ODER ZU WENIG

Heute ruhen die Tagesordnungen. Kein Gremium tagt. Wir spielen Weihnachtsfrieden.
Aber wenn wir die letzten Wochen und Monate noch einmal überfliegen, kommen uns große Reden und leere Worte unter. Nachrichten, die alles ertragen mussten, sogar das Schweigen. Träume, die platzten wie Seifenblasen.

Es gibt einen neuen Armutsbericht – mit verheerenden und verstörenden Blicken auf Kinder, wir hören von Terror, Verfolgung und Angst,
wir hören auch von Rettungsaktionen, in denen sich die Milliarden nur so überschlagen.
Auf einmal ist Geld da. Aber Licht, Leben, Freud und Wonne?
Wer von Hartz IV lebt, gerade in Kurzarbeit oder Quarantäne geschickt wurde, wenn nicht gar in die Arbeitslosigkeit, traut den großen Worten nicht über den Weg. Wir haben sogar das Unfassbare vernommen, dass den Banken das Vertrauen zueinander abhanden gekommen ist.
Offen ist sowieso, wer die Zeche zahlt, gewiss nur, dass es die falschen sein werden: unsere Kinder, die Menschen in Entwicklungsländern, die Leute, die sich nicht wehren können. Geredet wird viel. Aber es wird nicht hell.

Eine Idylle war die Weihnachtsgeschichte noch nie,
Wer den Heiligen Abend nicht aushält, stellt die Schnapsflasche auf den Tisch.
Wer seine Erinnerungen nicht erträgt, sucht Streit.
Wem die Worte fehlen, dem geht auch kein Licht auf.
Ich kenne viele Geschichten, die in Tränen enden.
Geredet wird dann gar nicht. Aber es wird immer dunkler.

DAS WORT WIRD FLEISCH

Johannes weiß von den unzähligen Anfängen im Leben eines Menschen, von der Dunkelheit, die unsere Schritte umgibt, aber auch von dem Licht, das sogar die Blindgeborenen zu sehen bekommen.
Johannes bringt sozusagen das ganze Evangelium auf den Punkt:

Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.

Die großen Gelehrten und Dichter sind dem Geheimnis des Wortes nachgegangen. Worte können einen Menschen aufleben lassen, Worte können ihn vernichten – Worte können die Welt aufschließen, Worte können sie zuschütten. Aber dass das Wort Fleisch wird – das sprengt selbst das Wort.
Das Wort, das Licht schafft, geht in die Dunkelheit ein.
Das Wort, das ewig ist, lässt sich gefangen nehmen.
Das Wort, das Leben verheißt, nimmt den Tod an.

Den Anfang feiern wir zu Weihnachten. Gott liefert sich der Welt aus, teilt ihre Abgründe, teilt ihr Schönheiten. Er fängt sogar so an, wie jeder Mensch: als ein Kind. Dass ein Kind die ganze Welt mit seinem Wort hält – gibt der Welt Hoffnung und Glanz.

DER ANFANG

So kann auch nur Johannes ins Haus fallen:

Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.

Die Worte überschlagen sich fast, verknoten sich in einander. Aber ich verbinde mein Leben mit ihnen. Ich verstehe, warum Johannes von den Menschen früher als Adler vorgestellt wurde – weiter Blick, scharfes Auge – und dann: Sturz in die Tiefe.

Der ist dann auch gelungen.
Das Wort kommt zu mir.
Frohe Weihnachten!

Ordensgeistlicher Matthias David