MAHNUNG IST MANCHMAL NÖTIG

(Predigtgedanken zum 23.So.i.Jkr./14. So.n.Epi Mt 18:15-20, Ez 33:7-9, Röm 13:8-10)

VON DEN DREI AFFEN

Die drei kleinen Affen sind bekannte Figuren. Nichts sehen, nichts hören und nichts sagen. Das scheint DAS Rezept für ein gelungenes Leben zu sein. Dabei stimmt dieses Rezept oft nicht. Denn viele Menschen sehen und hören sehr wohl, was sich in der Umgebung tut. Man weiß oft mehr von den Nachbarn oder Arbeitskollegen, als man zugibt. Wenn dann etwas Schlimmes passiert, haben es auch viele geahnt und gewusst. Woher man es weiß und warum man es weiß, ist dann noch einmal etwas anderes.

Das Evangelium vom heutigen Sonntag scheint das ganze umzudrehen. Es sagt nicht: “Schau weg und sag nichts!” sondern: “Wenn du schon hinschaust, dann sag auch etwas!” Wenn du schon hinschaust bei einem Menschen, an dem dir etwas liegt, dann teile mit ihm deinen Blick! Diese Forderung Jesu geht durchaus unter die Haut. Es ist schwer, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Noch schwerer ist es, diese Wahrheiten direkt zu sagen. Den anderen im vertrauten Rahmen anschauen und sagen: “Du machst da einen Fehler!”

GESELLSCHAFTLICHE SITUATION DER SCHULD

Jesus geht in dieser Lehre noch einen Schritt weiter, in der er ein neues Licht auf die Szene wirft. Es geht nämlich nicht um einen Fehler, sondern um Sünde in der Gemeinde. Der Bruder ist das Mitglied in der Gemeinde. Aus ihr soll gegebenenfalls jemand dazukommen, wenn es ein Gespräch zu dritt sein soll. Da ist also jemand in der Gemeinde, der bewusst etwas tut, was gegen die Ordnung der Gemeinde ist. Es geht also nicht nur um ihn und seine Schuld. Es geht auch darum, was dies mit den Anderen macht. Es geht um die gemeinschaftliche Dimension der Schuld.

Zunächst ist die Position klar. Der andere soll zur Umkehr bewegt werden. Erst allein und dann mit Unterstützung und notfalls in der Gemeinschaft. Es wird also genügend Energie aufgewendet. Niemand soll heraus gekegelt werden. Im Gegenteil, man tut alles, um ihn zu halten. Der Bruder soll als Bekehrter in der Gemeinde bleiben und in der Gemeinde etwas bewirken. Nur wenn dies trotz allem Wohlwollen und trotz allem Mühen nicht gelingt, soll die Gemeinde sich distanzieren.

                                                                          VON DER SITUATION DER ERSTEN GEMEINDEN

Der Sinn dieses Verhaltens wird deutlich, wenn man auf die ersten Gemeinden schaut. Sie wollten sich etablieren als Gegenentwurf zu dem, was die Menschen kannten. “Bei Euch soll es nicht so sein!”, heißt es ja mehrfach im Evangelium.

Wenn so neue Formen gesucht und gelebt werden, schauen viele Menschen genau hin. Kann es etwas Faszinierendes für mich sein? Wird mir ein Leben gezeigt, das anders und gut ist? Oder “wird bei denen auch nur mit Wasser gekocht”?                            Haben sie in der Gemeinde vielleicht schon Präzedenzfälle, an denen man sich reiben kann? Ein Sünder in der Gemeinde wäre jemand, der mit seinem Tun diesen Aufbau der Gemeinde durcheinander bringt.

Dies wird im Alltag immer wieder dann deutlich, wenn es um den Wahlkampf geht. Dann werden die vermeintlichen oder tatsächlichen Skandale und Fehltritte der Politiker hervorgezogen, um dem Ansehen der Partei zu schaden. “Ihr wollt doch nicht denen die Macht anvertrauen, die einen solchen Menschen in ihrer Führung haben!” So schadet der sündige Bruder nicht nur sich, sondern auch der Gemeinde und dem Versuch, das Christentum zu etablieren. Und dagegen – so der Ansatz des Evangeliums – soll man etwas machen.

WAS FORDERT DIE LIEBE?

So gesehen sollte man den eingangs erwähnten drei Affen eigentlich drei andere Affen entgegenstellen, die sehen, hören und reden, aber das ganze verbunden mit einem ganz großen Herzen. Mit Wohlwollen und Liebe ansprechen, was man leider gesehen hat, ist ein anderes Verhalten, das nach vorne bringt. Im günstigen Fall ist es ja nach dem Gespräch unter vier Augen schon getan.

Ein solches Verhalten ist dann zugleich die Antwort auf die Forderung des Römerbriefs:                                         

“Die Liebe schuldet ihr einander immer!”                           

Es ist die Liebe, aus der heraus ich einen anderen anspreche. Zunächst um dieses Menschen willen. Dann aber auch um der Sache willen. Die Liebe schulden wir dem anderen in der Form, wie wir das Thema ansprechen. Da kann es sehr unterschiedlich sein. Auch wenn man vor dem Gespräch Angst hat – vielleicht muss es sein. Wenn dann im Ergebnis steht, dass sich der Bruder fängt und seinen Weg neu geht, ist alles gewonnen.

DER LOHN DER MÜHE

Was daraus werden kann, sagen wiederum die beiden letzten Verse des Evangeliums: Der gemeinsamen und von allen geteilten Bitte wird sich der Vater nicht versagen. Diese Erfahrung soll und will man oft machen. Sie setzt tatsächlich eine innere Gemeinschaft voraus – eine Gemeinschaft, die sich aus den gemeinsamen Werten trägt.

Seneschall Matthias David