DAS KREUZ UND WAS WIR DARAUS MACHEN

(TH – 01.VII.21 / HAN – 14.VIII.21)

DAS KREUZ – EINE ZUMUTUNG

Vor wenigen Tagen erzählte mir eine Frau, dass ihr Sohn – er ist im Kindergartenalter – ein beängstigendes Interesse für Darstellungen Jesu am Kreuz entwickelt habe. Wann immer er ein Kreuz sieht, will er wissen, wer das sei und warum man das mit ihm gemacht habe usw. Ihr als Mutter stellten sich von da her viele Fragen: Wie kann sie damit umgehen? Wie kann sie ihrem Kind ausreichend antworten? Sollte man solche Darstellungen in der Öffentlichkeit nicht verbieten, wenn sie so nachhaltige Wirkung auf Kinder haben?

Religiöse Symbole in der Öffentlichkeit verbieten ist meines Erachtens auf Dauer kein gangbarer Weg. Man würde gleichzeitig alle anderen Symbole einschließlich der politischen aus der Welt schaffen müssen. Unsere Welt ist voller Symbole. Alles und jedes kann zum Symbol werden. Die Frage ist, was wir damit verbinden und was ein Mensch, der bewusst ein Symbol setzt, damit zum Ausdruck bringen will.

DAS KREUZ ALS SYMBOL DER CHRISTEN

Das Kreuz als Symbol hat am Anfang des Christentums kaum eine Rolle gespielt. Die früheste Kreuzesdarstellung ist ein Graffito aus dem zweiten Jahrhundert. Es zeigt einen Mann, der einen anderen Mann mit Eselskopf am Kreuz anbetet. Darunter steht „Alexamenos betet seinen Gott an“.
Durch viele Jahrhunderte wurde das Kreuz ohne den Körper Christi dargestellt, oft mit Edelsteinen besetzt. Das älteste erhaltene monumentale Kruzifix, so nennt man Kreuzesdarstellungen mit dem Körper Jesu, stammt aus dem 10. Jahrhundert.

Das Kreuz als Symbol, mit oder ohne den Körper Jesu, kann sehr unterschiedlich verstanden werden. Immer erhebt sich die Frage, was Menschen, die es aufstellen, aufhängen oder als Schmuck am Körper tragen, damit ausdrücken wollen, bzw. was Menschen, die es zu Gesicht bekommen, darin sehen.

DAS KREUZ ALS SYMBOL DER GEGENSÄTZE

Ein Mitbruder, der als Krankenseelsorger tätig ist, lädt des Öfteren, wenn er über das Thema Leid zu predigen hat, seine Zuhörer zu einer Kreuzesmeditation ein. Er bittet sie aufzustehen, die Arme in Kreuzesform auszustrecken und so die Spannung wahrzunehmen, die sich im eigenen Leib aufbaut. Die Spannungen zwischen oben und unten, zwischen Erdverbundenheit und Offenheit für das Himmlische, zwischen den Ansprüchen und Interessen der Mitmenschen und der Welt, die uns umgibt, kreuzen sich in jedem von uns und wir können sie nur für eine kurze Zeit ertragen.

Diese Erfahrung kann uns mit allem Gegensätzlichen konfrontieren, das auf uns einwirkt und das wir nicht auflösen können: Unser Wunsch zu leben und die Grenzen, die uns durch Krankheit und Tod gesetzt sind; unsere Sehnsucht nach Harmonie und Frieden und deren Bedrohung durch die Interessen anderer. Wie können wir mit den Aggressionen, Gewaltanwendungen, und Übergriffen leben, die uns andere Menschen zufügen? Wie können wir mit Unrecht leben, das uns angetan wird oder droht? Wie können wir mit den Grenzen unseres Lebens wie Krankheit, Tod, Schicksalsschlägen oder Katastrophen leben? Auch wenn wir alles tun, um möglichst viel von dem abzuwenden, es bleibt ein Rest, dem wir ausgesetzt sind.

DAS LEBEN IST (NICHT IMMER) SCHÖN

Der italienische Filmregisseur Roberto Benigni schuf vor einigen Jahren den Film „Das Leben ist schön“. Darin beschreibt er, wie der jüdische Italiener Guido sein Leben auf humorvolle Weise meistert, seine angebetete Dora zur Frau gewinnt und wie sie gemeinsam mit ihrem Sohn Giosuè in einer italienischen Kleinstadt glücklich leben. Im zweiten Teil der Geschichte werden Guido und Giosuè in ein Konzentrationslager der Faschisten verbracht. Um den Kontakt nicht zu verlieren, folgt ihnen Dora freiwillig ins Lager. Um seinen Sohn nicht mir der grauenvollen Realität zu konfrontieren, erzählt ihm der Vater, das Ganze sei ein kompliziertes Spiel und macht ihm Hoffnung, dass alles gut ausgehen werde. Bei Kriegsende kommt der Vater im allgemeinen Aufruhr der Befreiung um. Als das Lager von amerikanischen Soldaten befreit wird, finden sich Mutter und Sohn. Der Film endet mit den Worten Giosuès: „Dies ist meine Geschichte, dies ist das Opfer, welches mein Vater erbracht hat, dies war sein Geschenk an mich. Wir haben das Spiel gewonnen.“

Dass das Leben schön ist, gehört zu unseren innigsten Sehnsüchten und Hoffnungen. Eltern versuchen dies ihren Kindern zu vermitteln und als Botschaft mit ins Leben zu geben. Doch irgendwann wird jeder Mensch mit der dunklen Seite des Lebens konfrontiert. Diese lässt sich nicht auf Dauer von ihnen fernhalten.

Das Kreuz ist für mich ein Symbol für die Bedrohungen, denen ich gegenüberstehe, die abzuwenden ich nicht in der Hand habe; ein Symbol für alle Grausamkeit, die Menschen einander antun können und gegenwärtig antun in der … Ukraine, im Irak, in Syrien, in Afghanistan, in Afrika – oft unter Missbrauch des Namens Gottes.

DAS KREUZ ALS ZEICHEN DER HOFFNUNG

Ich blicke zum Bild des Gekreuzigten auf und möchte trotz allem Leid, dem ich ohnmächtig gegenüber-stehe, wie Jesus von meinem Vertrauen in den Schöpfer nicht ablassen. Von ihm erbitte ich die Kraft, auf Hass nicht mit Hass zu antworten oder bildhaft gesprochen zum Schwert greifen zu müssen. Ihm überlasse ich das Gericht über alle Gewalttäter, die menschliches Gericht nicht erreicht. Von ihm erhoffe ich mir neues Leben, wo das Leben in der uns bekannten Form am Ende ist.

In diesem Sinne tut es mir gut, wenn ich dem Zeichen des Kreuzes begegne: im religiösen Leben, in der Kunst, im öffentlichen Raum. Allen, die daran Anstoß nehmen, wünsche ich, dass sie Menschen begegnen, die ihnen erzählen können, was es ihnen bedeutet und welche Hoffnung sie damit verbinden.

Ordensgeistlicher Matthias David