(Predigtgedanken zum 25. So. i. Jkr. / 16. So. n. Tr., Mt 20:1-16a, Jes 55:6-9, Phil 1:20ad-24.27a)
WENN UNSER GERECHTIGKEITSGEFÜHL ZWEIFELT
Ich möchte heute zwei Zugänge zum Tagesevangelium öffnen.
Es ist ja ein Text, bei dem so manchem von uns eine große Skepsis hochkommt.
Unser Gerechtigkeitsgefühl, sofern sensibilisiert, meldet Widerspruch oder Zweifel an.
Von Rabbi Abun, er lebte im 4. Jahrhundert vor Christus, wird eine Geschichte überliefert, die eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem Gleichnis hat, das der Evangelist uns heute vorstellt.
Der große Rabbi Abun erzählte: Gott ist gleich einem König, der einen Weinkeller hatte. Der König setzte Wächter zum Schutz desselben ein. Einige von diesen Wächtern waren Nazarener, d.h. solche, die unter dem Gelübde der Enthaltsamkeit vom Weingenuss standen; andere der Wächter waren bekannte Trunkenbolde. Zur Abendzeit kam der König und gab den Nazarenern den vereinbarten vollen Lohn; den Trunkenbolden aber gab der den doppelten Lohn.
Da sprachen die Nazarener zu ihm: Unser König, haben wir nicht alle gleicherweise gewacht? Warum gibst du jenen die doppelte Höhe, uns aber nur den vereinbarten Lohn? Der König sprach zu ihnen: Jene sind Trunkenbolde, und es ist ihre Gewohnheit, Wein zu trinken; deshalb gebe ich ihnen den doppelten Lohn, weil sie während des Dienstes im Kampf gegen ihren bösen Trieb sauber geblieben waren. Euch aber ist der Kampf erspart geblieben, also bekommt ihr den versprochenen und vereinbaren Lohn.
Nun, auf den ersten Blick ist diese alte jüdische Erzählung ähnlich der von Jesus.
Doch bei genauerer Betrachtung, spielt bei dieser Geschichte doch der Leistungsgedanke eine große Rolle. Die, welche mehr “Askese” geübt haben, bekommen einfach mehr bezahlt.
Der Gutsherr bei Jesus aber bezahlt alle gleich hoch; ob sie nur den ganzen Tag gearbeitet haben, oder nur einen kleinen Teil davon. Hier tut sich ein gewaltiger Unterschied auf. Keine Bezahlung nach Leistung, sondern: einfach nach freiem Willen. So ist nur Gott!
WAS HEISST SCHON „GERECHT”?
Lassen Sie mich nun einen zweiten Zugang öffnen: Was heißt schon Gerechtigkeit? Wir befinden uns inmitten einer Leistungsgesellschaft; ein subtiler Verteilungskampf, bei dem die Schwachen einfach mehr und mehr unter die “Räder” kommen, lässt sich weltweit beobachten. Ist da nicht der Kampf um Gerechtigkeit oft ein Kampf gegen Windmühlen? Wir leben, in unseren Breiten, in einem so genannten “Rechtsstaat”. Gerichte sprechen Tag für Tag Recht. Doch sind alle diese Urteile und Entscheidungen auch gerecht?
Gott sei Dank gibt es auch noch immer viele Menschen, die eine Feinfühligkeit besitzen zu erkennen, was gerecht ist oder wo die Ungerechtigkeit “zum Himmel schreit”.
Wenn ich dies so alles aufzähle, wird der eine oder andere sicher auch seine eigenen positiven oder negativen Erfahrungen mit dazu stellen können.
GIBT ES ÜBERHAUPT EINE LETZTE GERECHTIGKEIT?
Vor Gott zählt etwas anderes. Und so kommen wir zu Jesus und der Beschreibung seines Gottesbildes. Die Hörer, und damit auch wir hier und heute, sollen verstehen: So ist nun einmal Gott! Bei Gott zählen andere Maßeinheiten, eine andere Gerechtigkeit, die letztlich nur mit den Worten “Liebe oder Treue” Gottes zu den Menschen umschrieben werden kann.
Diese Gerechtigkeit Gottes nimmt auch jene mit, die nicht zu den “Leistungsträgern” der Gesellschaft gehörten und gehören; die Schwachen, die Behinderten, die Gescheiterten, die zu kurz Gekommenen. Vor Gott zählt letztlich eine andere Leistung!
Steht da nicht ein großartiges Gottesbild dahinter? Ein Gott, der mich mit anderen Augen sieht und mich an die Hand nimmt? Dahinter entdecken wir nicht einen fernen, abstrakten, abgehobenen oder uninteressierten Schöpfer, sondern, in seinem Heiligen Geist, einen lebendigen und nahen Gott, der uns mit anderen Augen und anderen Maßstäben misst und ansieht. Ist das nicht ein ungemein befreiendes Bild eines Gottes, welches uns Jesus vermitteln möchte?
DEM BEISPIEL GOTTES FOLGEN
Auf der anderen Seite bleiben für alle Menschen Herausforderungen nach einem Leben die Gott gerecht werden sollen. Wir bekommen sie angedeutet in der sog. “Goldenen Regel” oder aber in den Wegweisern der “Zwölf Gebote” oder in dem Gebot Jesu: “Gottesliebe und Nächstenliebe…”
Ich meine, gerade der Christ, der in der Gerechtigkeit Gottes vor allem seine “Liebe und Treue zu den Menschen” erkennt, weiß sich dann auch verbunden und verpflichtet, diesem Beispiel zu folgen und ihm bei sich selbst und in der Gemeinschaft Raum zu geben; d.h. auch für Gerechtigkeit und Frieden im Kleinen wie im Großen zu arbeiten und, wenn nötig, zu streiten.
Ich wünsche Ihnen ein vertrauensvolles Umgehen mit den Wirklichkeiten dieser Welt. Wir dürfen uns immer auch um Leistung, Wohlstand, Erfolg mühen und einsetzen – dies alles hat seine Bedeutung und Berechtigung.
Gerechtigkeit ist letztlich immer ein Geschenk – aber es bedeutet auch eine Aufgabe!
Seneschall Matthias David
