(Predigtgedanken zum Hochfest Allerheiligen / 22. So.n.Trin., Mt 5:1-12a; Offb 7:2-4, 9-14; 1. Joh 3:1-3)
Johannes, der Verfasser der Offenbarung, malt uns ein großartiges Panorama mit 144 000 Heiligen, obwohl er sich selbst in großer Bedrängnis befindet. Es ist ein Bild der Vollendung des Menschen, ein Bild des Glücks. Heilige sind die von Gott Geliebten.
WIE VIELE HEILIGE GIBT ES?
Wie viele Heilige gibt es eigentlich? 144 000? Ich habe sie noch nicht gezählt, habe auch nicht vor, es zu tun. Aber eintauchen will ich gerne in die große Geschichte, die sich uns heute auftut. Aus der Offenbarung des Johannes. Was auf den ersten Blick so fremdartig anmutet, hat das Zeug dazu, eine wunderschöne Liebesgeschichte zu werden.
Da ist von Engeln die Rede, die die Erwählten Gottes schützen, von einer riesigen Menge erlöster Menschen – und dann kommt am Ende die spannende Frage, was das denn für Leute sind, die so wunderbar weiß gekleidet sind. Die Antwort lässt aufhorchen: das sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen und ihre Kleider im Blut Jesu gewaschen haben. Ein großartiges Bild dafür, in der Liebe Gottes geborgen sein, unbeschwert, von aller Schuld befreit. Die weißen Gewänder erzählen von einer himmlischen Reinheit, von einem himmlischen neuen Anfang. Sie erzählen auch davon, dass alle Kämpfe, alle Zweifel, alle Ängste ausgestanden, ja überwunden sind. Jetzt verstehe ich auch, warum in der Frühzeit des Christentums Täuflinge ein weißes Gewand anziehen durften. Weiß ist die österliche Farbe, die Farbe des Lebens. Kein Zufall, dass ein Sonntag, der Sonntag nach Ostern, der „Weiße Sonntag“ ist.
Wie viele Heilige gibt es eigentlich? 144 000? Diese Zahl wird in der Offenbarung tatsächlich genannt. Aber es ist mehr eine symbolische Zahl. 12 mal 12 mit 3 Nullen. Eine vollendete Zahl, eine nicht mehr zu überbietende Zahl. Von Gott in die Hand genommen und in seinem Herzen aufbewahrt.
BESUCH AUF DEM FRIEDHOF
Viele Menschen gehen heute auf den Friedhof. Sie zünden eine Kerze an. Die herbstlichen Blätter sind weggeräumt. Frisches Grün wird ausgebreitet. Mancher Name ist schon verblasst. Manche Wunde aber immer noch nicht verheilt.
Heute gehen auch Prozessionen von der Kirche zum Friedhof. Es ist gut, wenn wir den Weg gemeinsam gehen. Dem Kreuz hinterher. Viele Menschen hängen ihren Gedanken nach. Es ist alles noch so frisch. Dann werden die Gräber gesegnet. Das Wasser ist ein Lebenszeichen. Die Gebete sprechen die größten Hoffnungen aus.
Nach außen ist der Friedhof ein Ort der Stille. Und längst haben sich neue Orte um ihn herum gebildet. Friedwälder. Kolumbarien. So manche letzte Ruhestätte ist nicht einmal mehr mit einem Namen versehen. Aber auch sonst zeigt so manches Grab, dass schon sehr lange kein Mensch mehr da war. Die Stille ist in Wirklichkeit sehr laut. Wie viele Geschichten verstecken sich hinter Namen, unter Unkraut, über nackter Erde oder gar im Meer?
GESCHICHTEN
Manchmal kommen mir Geschichten in den Sinn. Sie wurden mir einmal erzählt. Von den Hinterbliebenen. Was für ein Wort! Viele Menschen habe ich auch gekannt. Dann habe ich noch Gesichter und Gespräche im Kopf. Manchmal sogar noch den Tonfall, einen Geruch, ein Lächeln. Ich sehe das Zimmer vor mir. Die Bilder.
So viele Geschichten, Erinnerungen und Träume. So viel Glück. Und so viel Unglück. So viel Nähe. Und so viel Hass. Vielleicht hat Johannes doch das richtige Wort gefunden: Bedrängnis. Doch: was Bedrängnis ist, erleben Menschen unterschiedlich. Wenn Menschen in ihrem Leben hart und unausstehlich wurden, wenn von jugendlicher Schönheit nur noch die Hexe übrig blieb, wenn Träume sich in Traumata verwandelten. Einen Menschen zu verstehen, ist im Angesicht des Todes die wohl größte Kunst. Glücklich ist, wer lieben kann. Der Friedhof, der Friedwald, die Kolumbarien – Orte geliebten Lebens?
DIE HEILIGEN, GOTTES GELIEBTE KINDER
Wie viele Heilige gibt es eigentlich? 144 000? Was sich hinter dieser großen – und vielleicht auch unheimlichen – Zahl verbirgt, ist, dass es 144 000 Liebesgeschichten sind, die sich hier verstecken. Nein, die hier offenbart werden.
Im 1. Brief des Johannes heißt es – wir hörten es: „Seht, wie groß die Liebe des Vaters ist, die er uns geschenkt hat. Wir heißen Kinder Gottes und sind es.“
Am Tag aller Heiligen, heute, danken wir dafür, dass Gott mit seiner Liebe die vielen Lebensgeschichten birgt, die wir abgeben mussten, die uns über den Kopf wachsen, die wir vergessen. Gott spricht Menschen heilig, nur weil er sie liebt.
DIE, DIE AUS DER GROSSEN BEDRÄNGNIS KOMMEN
So etwas kann Johannes inszenieren. In einem riesigen Panorama. Dabei geht es ihm – eigentlich – richtig schlecht. Ein Gericht hat ihn auf eine Gefangeneninsel verbannt. Patmos. Hier landen die Missliebigen, die Aufmüpfigen und die Kriminellen. Johannes ist Christ. Er bestreitet dem römischen Kaiser das Recht, sich wie ein Gott aufzuführen, verehrt werden zu wollen und das letzte Wort zu haben. Johannes hat sich den Mund verbrannt. Dabei hat er nur die Wahrheit gesagt. Die Wahrheit, die frei macht. Und mutig!
Am 1. Tag der Woche – ein Sonntag – sieht und hört er, wie Gott Menschen schützt und schön macht. Oder auch einfach nur liebt. Es ist eine Ostergeschichte. Eine Auferstehungsgeschichte. Die kleinen christlichen Gemeinden sind bedroht und angefochten. Sie sollen aufgerieben und auseinander getrieben werden. Das liegt wie eine dunkle Wolke über ihnen. Und dann sehen sie sich, heute, in weißen Gewändern und alles andere als abgeschlagen und alleine gelassen. 144 000, 12 mal 12, mit 3 Nullen. So viele sind sie! Ganz in der Nähe Gottes. Sein Hofstaat, sozusagen! Ich gebe auf, sie zu zählen. Aus dem Panorama wird eine Perspektive!
DAS GROSSE GLÜCK: EIN GELINGENDES LEBEN
Wir nennen unsere Verstorbenen „lieb“. Wir nennen sie nicht „fremd“. Auch nicht „böse“. Wir nennen sie „lieb“, weil wir sie – und uns – von Gott geliebt wissen. Worauf könnten wir uns sonst verlassen? Es gibt auch keine größere Hoffnung, keine größere Sehnsucht. Am Ende zählen die großen Worte nicht mehr, die Leistungen nicht, nicht einmal die ewigen Vorsätze. Die Bankgutgaben und Immobilien schon gar nicht. Der Tod nimmt die Masken ab. Er wird zur letzten Bedrängnis. Ist mein Leben gelungen? Was ist eigentlich das große Glück? Das große Los? Was ist, wenn ich mich selbst nicht mehr lieben, annehmen oder verstehen kann?
In seiner Bergpredigt, wir könnten sie auch seine Antrittsrede nennen, nennt Jesus uns glücklich, wenn wir vor ihm arm sind, von ihm getröstet werden, an seiner Barmherzigkeit teilhaben, Frieden stiften und mit ihm Gott schauen. Unter der Überschrift „Seligpreisungen“ haben seine Worte eine neue Welt sichtbar werden lassen:
Glücklich sind wir, wenn wir vor Gott arm sind – das Himmelreich ist unser!
Glücklich sind wir, wenn wir trauern – wir werden getröstet!
Glücklich sind wir, wenn wir gewaltlos leben – wir erben das Land!
Ein Reigen ist’ s , der Glück an Glück häuft. Ein gelingendes Leben. Ein geliebtes Leben.
STAUNEN, WUNDERN, NACHEIFERN
Übrigens: Eine Seligsprechung, eine Glücksverheißung, lässt uns die weißen Gewänder sehen.
In sie habe ich mich von Anfang an verguckt! Glücklich seid ihr, wenn ihr ein reines Herz habt – ihr werdet Gott schauen. Wann ist ein Herz rein? – Wenn Gottes Liebe in ihm wohnt!
Wie viele Heilige es doch gibt! 144 000 Liebesgeschichten! Nicht zum Abzählen geeignet. Umso mehr zum Staunen. Und zum Wundern! Zum Nacheifern auch!
Allerheiligen ist tatsächlich ein Hochfest! Freut euch und jubelt: euer Lohn im Himmel wird unermesslich sein.
Seneschall Matthias David
