IN DIESER WELT, ABER NICHT VON DIESER WELT

(Predigtgedanken zum 29. So.i.Jkr. / 18. So. n. Tr.; Mt 22:15-21, Jes 45:1, 4-6; 1 Thess 1:1-5b)

JERUSALEM UND BABYLON

Von dem tiefgründigen, jedoch vielfach unbekannten Schriftsteller Reinhold Schneider, einer Säule der katholischen Geisteswelt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, stammt ein interessantes Wort, mit dem er die Existenz heiliger Frauen zu beschreiben suchte. Dieses Wort mag wohl aber nicht nur für heilige Frauen, sondern genauso für heilige Männer gelten, für alle leuchtenden Vorbilder unseres Glauben wie zuletzt für uns Christen insgesamt, weil wir alle zur Heiligkeit berufen wurden und durch Gott in seinen Sakramenten bereits geheiligt sind.

Reinhold Schneider meinte also – sinngemäß -, heilige Frauen seien Bürgerinnen des himmlischen Jerusalem in diesem irdischen Babylon. Die Heiligen und wir alle sind Bürger des himmlischen Jerusalem in diesem irdischen Babylon.

Das himmlische Jerusalem und dieses irdische Babylon – zwei Chiffren, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Jerusalem steht für das Leben im Angesicht Gottes, für die Freude an Gott und die Erkenntnis Gottes. Es steht für eine Gemeinschaft, welche ihre Einheit durch das eine Leben Gottes empfängt und nichts anderes zu tun hat, als Gott die Ehre zu geben. Dies ist der Lebensstil und die Existenzweise der Bürger Jerusalems: IHM die Ehre zu geben. Und Babylon?

Das ist unsere Welt. Das sind die vielen kleinen und großen Abhängigkeiten, mit denen wir leben und die uns nicht immer hilfreich sind, auf Gott zu schauen, ihn zu lieben, seinen Willen zu erfüllen. Babylon steht für das Hin und Her, für menschliche Verwerfungen und Zwiespältigkeiten, für das Durcheinander verschiedener menschlicher Interessen usw. Als der heilige Johannes seine Apokalypse verfasste, die große Offenbarung des Johannes, das letzte Buch der Bibel, war das Babylon seiner Tage das römische Kaiserreich mit den damals bereits stattfindenden Christenverfolgungen.

BLOSS NICHT ANSTOSSEN AN DIE WELT?

“Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht?” – “Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört?” Diese Antwort kann auch heute noch überraschen. Werden hier nicht zwei gänzlich ungleiche Wirklichkeiten nebeneinander gestellt: eine irdische Machtposition und die Herrschaft Gottes, sein mächtiges Wirken, welchem wir alle unser Dasein verdanken, dessen Liebe uns zum Leben berufen hat, dessen Hand uns durch das Leben führt und dessen Barmherzigkeit unser Leben einmal vollenden möchte? Im Himmel wird es bloß diese eine Macht mehr geben: Gottes Macht. Sollten wir nicht auch auf dieser Erde bereits alle Brücken abbrechen, welche zu einer anderen Macht führen?

Sollten wir nicht aus diesem Babylon auswandern, aus den Unrechtszusammenhängen, die die Welt beherrschen, aus dem ewigen Streit um Für und Wider, aus unserer säkularen Welt, in der alles andere im Mittelpunkt steht als Gott und sein Auf-uns-zukommen?

Diese Versuchung hat es in der Geschichte des Christentums immer wieder gegeben. Und es handelt sich wohl auch um einen Gedanken, den ein redlich lebender Christ dann und wann hegt: einfach weg und hinein in ein schrankenloses religiöses Leben, in ein christliches Existieren ohne Für und Wider, ohne Hin und Her; bloß nicht Anstoßen an die Welt, welche uns umgibt und die oftmals durch eine solch erschütternde Gottferne geprägt ist. Wo diese Versuchung politische Dimensionen annahm, wurde sie meist selbst auf kurz oder lang zu einem gottfernen Regime. Die charismatischen Wiedertäufer haben beispielsweise in der deutschen Stadt Münster während der Reformationszeit eine Bürgerschaft unter rein religiösen Vorzeichen zu errichten versucht – ein Versuch, der in autoritärer Unmenschlichkeit geendet ist. Und wie scharf, wie unmenschlich kann es zugehen, wenn einzelne Christen allem Weltlichem und oftmals auch allem Menschlichen scheinbar um des Glaubens willen eine Absage erteilen.

MARTYRIUM UND MISSION

“Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!” Jesus hält gut auseinander, was nicht zusammen gehört: Kaiser und Gott, die Welt und den Himmel. Er vermischt beides nicht miteinander. Er spricht von einer Vergötterung weder des Kaisers noch der Welt. Dies taten auch nicht die Christen im römischen Kaiserreich, als sie gezwungen wurden, dem “Divus Augustus”, dem – wie die Römer vorgaben – “göttlichen” Kaiser Weihrauch zu streuen. Sie wanderten aber auch nicht aus Rom aus, das für sie zum Babylon geworden war.

Sie versuchten nicht, ihr Christsein irgendwo auf einer Insel unter vielleicht idealen Bedingungen zu leben. So wären sie zu einer Sekte geworden, die kaum über mehr als ein paar Jahrhunderte bestanden hätte. Das “Erfolgsgeheimnis” des Christentums bestand wohl darin, dass man unter den weltlichen Bedingungen ausharrte, diese Bedingungen dort akzeptierte, wo sie aus christlicher Sicht vertretbar waren, und andernfalls das Martyrium wählte, wo etwas verlangt wurde, was die Ehre Gottes eingeschränkt hätte.

Der heilige Apostel Paulus sprach demgemäß davon, dass wir Christen in dieser Welt leben, aber nicht von dieser Welt sind. Wir sollten nicht aus der Welt

versuchen auszuwandern. Wie sollte die Welt ansonsten etwas von Gott erfahren und seinem Heil. Die Kirche ist in ihrem tiefsten Wesen missionarisch. Diesen missionarischen Auftrag kann sie aber nur erfüllen, wenn sie sich unter den Gegebenheiten dieser Welt nicht unmöglich macht, wenn sie manches von diesen Gegebenheiten akzeptiert, sofern es akzeptierbar ist, ohne aber das Eigentliche und Wesentliche aus dem Blick zu verlieren: dass Gott weitaus mehr von uns, von unserem Menschsein gehört, als irgendeiner anderen Autorität in dieser Welt, auch: irgendeiner Zeiterscheinung, irgendeinem Modetrend, irgendeiner gesellschaftlichen Strömung. Wenn wir in dieser Welt bleiben, aber zugleich möglichst immer und überall signalisieren, dass wir nicht von dieser Welt sind, sondern ganz Gott gehören, dann sind wir Mitarbeiter am Reich Gottes. Und wir dürfen dann selbstverständlich hoffen, dass Gott unsere Bürgerschaft im himmlischen Jerusalem einmal einlösen wird, dass er uns vor sein Angesicht holt, wo nichts anderes mehr gilt als seine Ehre.

Seneschall Matthias David