Predigtgedanken zum 15. Sonntag im Jahreskreis / 6. Sonntag nach Trinitatis: Mt 13:1-23, Jes 55:10-11, Röm 8:18-23
Das Gleichnis vom Sämann erzählt, dass das Wort Gottes nicht immer auf fruchtbaren Boden fällt. Es geht der Frage nach, warum es nicht immer aufgeht und Frucht bringt. Die Gründe dafür sind oft auch bei uns selbst zu suchen. Es zeigt aber auch, wie es reichlich Frucht bringen kann, auch heute.
»WORT DES LEBENDIGEN GOTTES?«
Predigten haben einen zwiespältigen Ruf. Die einen betonen, wie wichtig ihnen eine gute Predigt ist, dass es für sie geistliche Nahrung ist, wenn sie sich von der Predigt etwas mitnehmen können. Anderen wiederum kann die Predigt nicht kurz genug sein. Sie erleben sie als Pflicht- oder Bußübung, die sie über sich ergehen lassen müssen. Manch einer würde gerne darauf verzichten. Und auch für den Prediger ist es nicht einfach, das Ohr oder gar das Herz seiner Zuhörer zu erreichen. Auch er würde es sich manchmal lieber einfacher machen.
Das Evangelium vom Sämann beschreibt, wie wichtig es ist, sich auf das Wort Gottes zu besinnen. Dieses ist seit jeher eine wichtige Lebensgrundlage. Es weist die Richtung, in die wir gehen sollten. Zugleich ist es Brot, das als Nahrung dient und Kraft gibt. Jesus ist wichtig, dass die Frohe Botschaft vom Reich Gottes reichlich ausgebracht wird. Er vertraut darauf, dass genügend Saatgut auf fruchtbaren Boden fällt und reichen Ertrag bringt. Wie der Prophet Jesaja in der Lesung redet er in der Gewissheit, dass das Wort Gottes wirkt und Frucht bringt. Es trägt Frucht, weil es von Gott kommt. Jesus appelliert an seine Zuhörer: Wer Ohren hat, der höre! Sie sollen sich für das Wort Gottes öffnen und ihm genug Boden geben, damit es sich in ihnen entfalten kann.
Das Gleichnis zeigt aber auch, dass ein echte Hinhören gar nicht so leicht ist. Vieles geht bei einem Ohr hinein und beim anderen wieder hinaus. Man hört etwas, ohne den tieferen Sinn zu verstehen. Das Wort Gottes wirkt und entfaltet sich erst in der Tiefe. Es braucht genügend fruchtbares Erdreich.
DIE MÜHEN DES BIBELLESENS
Das Sämann-Gleichnis ist ein Lehrstück für den Umgang mit dem Wort Gottes. Nicht selten fällt dieses auf einen Boden, auf dem es sich nicht wirklich entfalten kann.
Manche verwenden die Bibeltexte, wie man in vergangenen Jahrhunderte mit verfallenen Bauwerken umgegangen ist. Man hat diese als Fundort für billiges Baumaterial benutzt. Einzelne Sätze und Begebenheiten lassen sich bequem aus den Heiligen Schriften herausholen und für die Stützung eigener Theorien verwenden. Werden sie beliebig, und aus dem Zusammenhang gerissen, erkennt man ihre ursprüngliche Bedeutung nicht mehr. Viele Theologen haben dieses Vorgehen meisterhaft beherrscht und damit der guten Sache mehr geschadet als gedient.
Wieder andere trauen den biblischen Texten für die gegenwärtige Zeit keine Bedeutung mehr zu. „Was interessiert uns, was der alte Abraham getan hat und die Israeliten in der Wüste erlebt haben“, bekomme ich nicht selten zu hören. Welchen Sinn hat es, tausend Jahre alte Texte in den Gottesdiensten zu lesen? Um sie zu verstehen und ihre Bedeutung für die Gegenwart zu erkennen, muss man sich in die Zeit ihrer Entstehung versetzen und versuchen nachzuempfinden, was sie den Menschen damals bedeutet haben. Ihre Tiefenaussagen haben meist auch Bedeutung für die Gegenwart. Sie beinhalten allgemeinmenschliche und religiöse Erfahrungen. Diese erahnt man nur, wenn man sich auf diese Erzählungen einlässt. Dass sie als »Wort Gottes« von Generation zu Generation weitergegeben werden, sollte uns neugierig darauf machen.
Eine große Hürde ist auch, dass viele meinen, man brauche umfassende wissenschaftliche Vorkenntnisse, um die alten Texte richtig deuten zu können. Sie trauen sich ein eigenständiges Bibellesen nicht zu. So hilfreich die wissenschaftliche Beschäftigung mit den biblischen Schriften auch ist, sie ist nicht notwendige Voraussetzung für jedermann. Denn ursprünglich wurden diese Texte von einfachen Menschen geschrieben, weitererzählt und in ihrer Tiefenbedeutung noch vor jeder Wissenschaft auch verstanden. Die Wissenschaften sind jedoch gut und notwendig, um einseitigen Auslegungen zu begegnen.
GEMEINSAM BIBEL LESEN
In den letzten Jahrzehnten haben Christen in Ländern, die nicht so gut mit Fachtheologen versorgt sind wie Europa und Nordamerika, entdeckt, wie fruchtbar es sein kann, in kleinen überschaubaren Kreisen die Bibel gemeinsam zu lesen, miteinander darüber nachzudenken, sich darüber auszutauschen und sich so für das eigene Leben inspirieren zu lassen. Auf diese Weise haben sie erfahren, dass diese uralten Schriften, wenn man sie als Wort Gottes annimmt und tief genug in sich hineinlässt, reiche Frucht bringen: dreißigfach, sechzigfach, hundertfach.
Seneschall Matthias David
