AUS DER GESCHICHTE LERNEN

(Predigtgedanken zum 27. So. i. Jkr. / 18. So. n. Trin.; Mt 21:33-44; Jes 5:1-7;  Phil 4:6-9)

                                                                                    “LERNEN SIE GESCHICHTE!”

“Lernen Sie Geschichte!” belehrte einst der legendäre österreichische Bundeskanzler Kreisky einen Journalisten. Dieser Ausspruch ist seitdem zu einem geflügelten Wort geworden. Es bleibt jedoch die grundsätzliche Frage, ob die Menschen fähig und bereit sind, aus den Erfahrungen der Geschichte zu lernen.

In der Schule haben wir uns viel mit Geschichte befasst, sogar mit Zeitgeschichte.

Wir haben viele Geschichten gehört, Fakten und Jahreszahlen gebüffelt. Ich hatte auch Geschichtslehrer, die sich bemüht haben, uns tiefere Zusammenhänge geschichtlicher Entwicklungen zu erschließen. Trotz positiver persönlicher Erfahrungen und trotz allem Bildungseifer, den ich in vielen Bereichen wahrnehme, bleibe ich skeptisch, ob eine Gesellschaft auf längere Sicht fähig ist, aus der Geschichte zu lernen und die Fehler der  Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Es ist wie mit dem Kind, das erst, wenn es sich selbst die Finger verbrannt hat, den heißen Ofen meidet.

EIN GESCHICHTLICHES LEHRSTÜCK LANGE VOR CHRISTUS

Die Lesung aus dem Propheten Jesaja bietet uns am 27. Sonntag das so genannte Weinberglied dar. Es vergleicht das Verhältnis Gottes zu seinem Volk mit einem Gutsherrn, der einen Weinberg angelegt hat und ihn mit Liebe hegt und pflegt, jedoch nicht der erwarteten Früchte ernten kann.

Eindringlich will der Prophet mit diesem Lied seine Zuhörer nachfühlen lassen, wie sehr Gott sein Volk liebt und sich danach sehnt, dass diese Liebe auch Früchte trägt: Das wären Recht und Gerechtigkeit. Ein Weinberg, der keine Früchte trägt, ist für seinen Besitzer nutzlos, er lässt ihn verwildern.

Einen solchen Prozess der Verwilderung und Verwahrlosung hat das Volk Israel in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft durchgemacht. Der Prophet hofft, dass Israel aus der Geschichte lernt, auf Recht und Gerechtigkeit achtet, damit es Bestand haben kann.

Aufkommender Wohlstand und die Anpassung an die Lebensgewohnheiten der benachbarten Völker haben die überlieferten Gebote und Gesetze, Recht und Gerechtigkeit, und damit den Bund mit Gott immer wieder in Frage gestellt und somit untergraben.

Der Prophet ist überzeugt, dass von der Bereitschaft, das von Jahwe gegebene Recht und soziale Gerechtigkeit einzuhalten, der Fortbestand des Volkes Gottes abhängt.

AUS DER GESCHICHTE NICHTS GELERNT

Der Prophet Jesus von Nazareth greift diesen Vergleich erneut auf und hält seinem Volk vor, dass es noch immer nichts aus der Geschichte gelernt habe. Die Gemeinde der Christen, welche die Predigt Jesu überliefert hat, sieht im Umgang des jüdischen Volkes, vor allem der Schriftgelehrten, Hohenpriester und Pharisäer, mit Jesus die Bestätigung, dass Gott von neuem die Verheißung von seinem Volk wegnimmt und die Sache Gottes neuen Verwaltern übergibt.

WAS LERNEN WIR DARAUS FÜR UNSERE GEGENWART?

Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen in der Welt werden unterschiedlich gedeutet: als Kampf zwischen Gut und Böse, als Auseinandersetzung zwischen den Religionen und den Kulturen, die daraus hervorgegangen sind, als Spannung zwischen einer Zivilisation, der Gott gleichgültig geworden ist, und Zivilisationen, für die der Gottesglaube zentrale Bedeutung hat. Andere sehen darin schlicht und einfach den Kampf der Armen und Benachteiligten mit den Reichen, die das gegenwärtige wirtschaftliche und politische System beherrschen.

Aus der Geschichte können wir für die gegenwärtigen Auseinandersetzungen lernen, dass es ohne soziale Gerechtigkeit zwischen den Völkern keinen stabilen Frieden gibt. Des weiteren können wir aus der Geschichte lernen, dass ohne Respekt vor den religiösen Überzeugungen eines Menschen kein friedliches Miteinander oder Nebeneinander möglich ist.

Am 25. September vor 471 Jahren wurde der “Augsburger Religionsfrieden” besiegelt. Dieser beruhte darauf, dass man nach langen kriegerischen Auseinandersetzungen bereit wurde, trotz ungeklärter theologischer Differenzen die religiöse Überzeugung anderer zu respektieren.

FEHLENDE FRÜCHTE DES CHRISTENTUMS?

In den Ländern des alten Europa wie auch Nordamerikas nahm in den letzten Jahren der Einfluss des Christentums deutlich ab. Müssten wir Christen dieser Regionen uns angesichts der Parabel von den bösen Winzern nicht auch die Frage stellen, ob dies nicht auch mit den fehlenden Früchten unserer Religion zusammenhängt? Bischof Jaques Gaillot hat einmal das Wort geprägt: “Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.” Ich möchte diese These vor dem Hintergrund unserer heutigen biblischen Texte umformulieren: Ein Christentum, das nicht die erwarteten Früchte bringt, ist nutzlos geworden. Oder in ein anderes biblisches Bild gebracht: Es ist wie schal gewordenes Salz, das man hinauswirft und das von den Leuten zertreten wird. Schwindet der Einfluss des Christentums bei uns, weil es keine Früchte bringt? Gleicht es nicht dem Weinberg, dessen Schutzwälle eingerissen sind und das von Souvenirsammlern und von Religionsbastlern nach brauchbaren Versatzstücken durchwühlt wird, das jedoch an eigenständiger Kraft nach und nach einbüßt?

Vielleicht gehören wir selbst schon zu den Religionsbastlern, die sich aus dem reichen Fundus der christlichen Tradition herausholen, was uns behagt: ein bisschen Geborgenheit, erhabene Gefühle, religiöse Erlebnisse, Sinn und Halt!

Viele beurteilen das Angebot der Kirchen danach, wie sehr es ihren religiösen Bedürfnissen entgegenkommt.

Welche Früchte bringt mein Leben als Christ? Recht? (soziale) Gerechtigkeit?

Frieden? Freiheit (der Kinder Gottes)? Lebensfreude? Barmherzigkeit?

Amen.

Seneschall Matthias David